Transference im Test: Verstörende VR-Reise durch die Psyche

Transference ist ein VR-Erlebnis mit namhafter Unterstützung. Kann der Sci-Fi-Psycho-Thriller den hohen Erwartungen gerecht werden?

  • von Sönke Siemens am 19.06.2019, 15:32 Uhr
Transference-Header

Sei es nun Der Rasenmähermann (1992) mit Pierce Brosnan oder Transcendence (2014) mit Johnny Depp – Hollywood war schon immer fasziniert von der Vision, dass ein Mensch sein Bewusstsein irgendwann in die Welt der Bits und Bytes „hochlädt“. Mit Transference greift nun erstmals ein VR-Spiel diese Thematik auf und verquirlt sie mit einer spannend erzählten Familientragödie.

  1. Transference: VR-Detektiv wider Willen
  2. Weichgespülte Adventure-Rätsel…
  3. …aber dafür guter Spielfluss
  4. Atmosphärischer VR-Horror-Knaller
  5. Genialer Raumklang: Kopfhörer sind Pflicht!
  6. VR-Brille nicht zwingend vorausgesetzt
  7. Unsere Wertung

Transference: VR-Detektiv wider Willen

Im Mittelpunkt des Plots steht dabei Doktor Raymond Hayes, seines Zeichens Genie auf dem Gebiet der Neuro- und Computerwissenschaften. Noch bevor das Abenteuer beginnt, erfahren wir anhand einer kurzen Video-Botschaft, dass Hayes eine Methode entwickelt hat, das kognitive Bewusstsein einer Person in die virtuelle Welt zu übertragen. Hayes kündigt zudem an, sich und seine Familie in Kürze an diesem virtuellen Ort zu „vereinen“.

Doch was hat all das zu bedeuten? Und was haben wir als Spieler damit zu tun? Um genau das herauszufinden, schlüpfen in die Rolle eines namenlosen Protagonisten und klinken uns in Hayes Simulation ein. Letztere zeigt ein 3-stöckiges Wohnhaus mit der Aufschrift „Harmony“, dessen Außenbereich wir nun aus der Ego-Perspektive erkunden.

Schon hier wird klar: Erst wenn wir die Umgebung akribisch nach Hinweisen absuchen, fügen sich die einzelnen Story-Fragmente in unserem Kopf zusammen.

Die vor dem Haus liegenden „Hund entlaufen“-Plakate etwa verraten, dass Familienmitglied Laika seit dem 15. November vermisst wird. Aber auch das Mietvertrag-Kündigungsschreiben im Treppenhaus, Antidepressiva im Badezimmer und eine verriegelte Kühltruhe lassen auf dramatische Ereignisse schließen. Ereignisse, die das einst so harmonische Leben der Hayes in seinen Grundfesten erschütterten und schließlich in einer Katastrophe mündeten.

Weichgespülte Adventure-Rätsel…

Gut gemacht: Mit welchen Umgebungsobjekten eine Interaktion möglich ist, zeigt Transference schon von Weitem durch ein leichtes Flackern innerhalb der Simulation an. Befinden wir uns dann in der Nähe des jeweiligen Objektes, wird dieses mit einem kleinen weißen Dreieck hervorgehoben. In regelmäßigen Abständen weist die Simulation zudem Fehler auf, die erst korrigiert werden, wenn wir kleinere Rätsel lösen.

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Im Musikzimmer etwa geht es darum, Tasten eines Klaviers so zu betätigen, dass mit dem Piano gekoppelte Glühbirnen durchgehend aufleuchten. Im Wohnzimmer wiederum müssen wir eine defekte Sanduhr reparieren. Und im Esszimmer gilt es, zerrissene Papierfetzen richtig anzuordnen, um das Passwort eines Laptops in Erfahrung zu bringen.

…aber dafür guter Spielfluss

Zugegeben, allzu großes Kopfzerbrechen bereitet keines dieser Puzzles. Die Folge: Selbst Genre-Neulinge kommen schnell voran, was wiederum einen hohen Spielfluss begünstigt. Routinierte Adventure-Spieler werden dagegen nur müde lächeln, denn in ihrer Gesamtheit betrachtet sind die Knobeleien viel zu leicht. Nicht zuletzt, weil das Spiel mittels Texteinblendungen meist recht eindeutige Tipps gibt, was an welcher Stelle zu tun ist.

Atmosphärischer VR-Horror-Knaller

Während die Rätsel eher auf Sparflamme köcheln, wissen Atmosphäre und Inszenierung allerdings fast durchgehend zu überzeugen. Hauptgrund hierfür ist zum einen das famose Sound-Design. Beim Erkunden der Wohnung hören wir beispielsweise immer wieder Stimmen der Bewohner, die sich flüsternd, schreiend, kreischend, bettelnd und manchmal sogar singend an den Spieler wenden. Teilweise sogar aus mehreren Richtungen gleichzeitig, was bei unserem VR-Test zu hektischen Umdrehbewegungen führte.

Ergänzt wird das verstörende Stimmengewirr von perfekt getimten Musik-Einspielern und einer riesigen Palette an grandiosen Sound-Effekten. Egal, ob nun das Pfeifen des Windes im Treppenhaus, das Bellen wütender Hunde beim Erkunden des Hinterhofs, das Rauschen eines schlecht eingestellten Radios, das Klappern defekter Türklinken, das Knarzen von alten Holzdielen, das Tropfen eines rostigen Wasserhahns oder das Brummen kostspieliger Oszilloskope – das Audio-Team jagt uns in schöner Regelmäßigkeit eiskalte Schauer über den Rücken.

Genialer Raumklang: Kopfhörer sind Pflicht!

Wichtiger Tipp in diesem Zusammenhang: Spielt Transference unbedingt mit Kopfhörern und achtet mal darauf, wie geschickt die Macher stellenweise Tonhöhe und Lautstärke variieren. Hinzu kommt: Die Synchronsprecher machen einen tollen Job und versetzen sich mit vollem Elan in die Rolle der verschiedenen Charaktere. Lediglich die deutsche Lippensynchronität ist streckenweise nicht optimal.

Lob gibt es darüber hinaus für die Idee, im Spielverlauf zwischen verschiedenen Perspektiven wechseln zu müssen. Zum besseren Verständnis: Beim Erkunden der Hayes-Wohnung finden wir immer wieder Lichtschalter. Bestätigen wir einen dieser Schalter, baut sich die Simulation neu auf und zeigt das Geschehen aus der Sicht eines anderen Charakters bzw. zu einem anderen Zeitpunkt. Wir wollen nicht zu viel verraten, aber die Mechanik geht mit teils drastischen optischen Veränderungen einher und ist zudem wichtig, um einige der Puzzles zu lösen.

VR-Brille nicht zwingend vorausgesetzt

Genau wie Capcoms Grusel-Champion Resident Evil 7 lässt sich auch Transference komplett ohne VR-Headset erleben. Ein Knopfdruck im Optionsmenü genügt, schon startet sich das Spiel neu und lädt den Nicht-VR-Modus. Grafisch kann sich dieser durchaus sehen lassen. Die Immersion der VR-Fassung erreicht die normale Version allerdings nicht, weshalb wir diese Art des Erlebens vor allem jenen mit einem eher fragilen Nervenkostüm empfehlen.

Positiver Nebeneffekt: Transference ist dank seiner Zweigleisigkeit nicht nur für PS4 und PC erhältlich, sondern auch für Xbox One. Ihr wollt euch vorab erst selbst ein Bild machen? Dann am besten die kostenlose Demo spielen, die mit einer ganz eigenständigen Geschichte aufwartet.

Unsere Wertung

Sönke Siemens

Mein Fazit:

Was genau hat Raymond Hayes in den Wahnsinn getrieben? Was motivierte ihn, seine bizarren Apparaturen zu bauen? Und wie genau hängen die Schicksale seiner Ehefrau und seines Sohnes mit all dem zusammen? Das phasenweise Zusammenpuzzeln der verstörenden Handlung funktioniert prima und sorgt in Kombination mit der dichten Atmosphäre dafür, dass Genre-Liebhaber das Headset erst wieder absetzen, wenn die Credits über den Bildschirm scrollen.

Spielt man Transference dagegen ohne VR-Brille, geht viel vom Mittendrin-statt-nur-dabei-Gefühl verloren. Außerdem werden verschiedene Unzulänglichkeiten im Gamedesign nun noch offensichtlicher. Dies betrifft in erster Linie die viel zu kurze Spielzeit, die zu niedrige Rätseldichte und die Beschränkung auf nur einen größeren Schauplatz. Trotzdem: Wer nach einem kurzen, aufwühlenden VR-Thriller mit gelungenem Spielfluss und Diskussionen-anregender Story sucht, wird hier durchaus charmant unterhalten.

Ihr solltet Transference eine Chance geben, wenn ihr…

  • ein bewegendes Familiendrama enträtseln wollt
  • viel Wert auf hervorragendes Sounddesign legt
  • nach einem Grusel-Erlebnis sucht, welches Jumpscares nur in Maßen einsetzt
  • gerne selbst entscheidet, wann ihr mit oder wann ihr ohne VR-Headset spielen wollt

Ihr solltet Transference besser meiden, wenn ihr…

  • am liebsten viele Stunden am Stück in einer virtuellen Spielwelt versinkt
  • ständig knackige Rätsel lösen wollt
  • auf der Suche nach einem Titel mit hohem Wiederspielwert seid
  • in einem VR-Spiel bevorzugt eine Vielzahl von Schauplätzen erkundet

Den VR-Psycho-Thriller Transference erhaltet ihr hier:

Getestet mit: Oculus Rift

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Sönke Siemens
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