Thimbleweed Park im Test: Klassischer Adventure-Spaß von Ron Gilbert

Thimbleweed Park ist ein sehr klassisches Point-&-Click-Adventure, das aber mehr Tiefgang bietet, als es auf den ersten Blick scheint.

  • von Sebastian Weber am 29.03.2017, 12:52 Uhr

Ron Gilbert hat in seiner Karriere einige legendäre Point-&-Click-Adventures entworfen. Maniac Mansion, Zak McKracken, Indiana Jones and the Last Crusade, The Secret of Monkey Island, Monkey Island 2: LeChuck’s Revenge – die Liste liest sich wie das Who’s Who der 1980er und 1990er Jahre.

(Unseren jüngeren Lesern, die von all diesen Titeln nichts gehört haben sollten, empfehlen wir einen Besuch auf YouTube, wo es zum Beispiel ein Let’s Play zu The Secret of Monkey Island von Gronkh gibt.)

Thimbleweed Park ist Ron Gilberts neuestes Adventure und es ist so klassisch, wie es klassisch nur sein kann. Grafisch kommt es auf den ersten Blick wie die angestaubten Titel daher und auch das Gameplay wirkt zunächst wie früher – inklusive der Steuerung über anklickbare Verben und das traditionelle Inventar.

Ein Mord ist noch das kleinste Übel

Die Geschichte von Thimbleweed Park setzt damit ein, dass ein gewisser Boris – dem Akzent nach ein Deutscher – am Fluss nahe des namensgebenden Städtchens ermordet wird. Das ruft die beiden FBI-Agenten Ray und Reyes auf den Plan, die dieses Verbrechen aufklären sollen.

Agent Ray ist eine abgebrühte Ermittlerin, die nur so vor Sarkasmus trieft. Reyes dagegen ist ein Berufseinsteiger, der stets nach Protokoll agieren will. Beide haben unter der Oberfläche noch jeweils eine ganz eigene Motivation, überhaupt in die Kleinstadt zu kommen.

Während ihrer Nachforschungen bekommen sie es mit einer Menge skurriler Typen zu tun, die in dem verschlafenen Nest Thimbleweed Park leben.

Da gibt es zum Beispiel den Sheriff, den Gerichtsmediziner und den Hotelmanager, die allesamt die gleiche Person zu sein scheinen. Das wiederum streiten sie aber ab. Schließlich haben sie ja alle ganz individuelle sprachliche Eigenheiten. Da beendet der eine seine Worte gerne mit einem »chen«, während ein anderer immer ein »lein« anhängt. Das wiederum nutzt jeder Einzelne, um sich über die anderen lustig zu machen.

Diese Angewohnheiten gehen dagegen schnell auf Kosten der Geduld des Spielers.

Oder ihr trefft auf zwei Schwestern, die in riesigen Taubenkostümen umherlaufen, eigentlich aber die Klempner des Örtchens sind. Oder auf Sandy und Dave, die gemeinsam das Restaurant der Stadt betreiben, welches alle Bewohner mit großem Bogen meiden. 

Je länger ihr schließlich Rätsel löst und der Mordfall klarer wird, desto schneller erkennt ihr, dass dieser Todesfall nur die grundlegende Prämisse der Geschichte ist. Später öffnet sich die Erzählung und kümmert sich vielmehr um die mysteriösen Ereignisse und die seltsamen Bewohner der Stadt.

Gleichzeitig scheint die Stadt aber wie ausgestorben, die meisten Geschäfte haben geschlossen und trotz nur 80 Einwohner stehen rund 3.000 Leute im Telefonbuch. (Das ist ein Running Gag im Spiel, denn die Unterstützer der zur Finanzierung nötigen Kickstarter-Kampagne wurden im Telefonbuch verewigt, was aus Sicht der Charaktere natürlich keinen Sinn ergibt.)

Mehr über die Story wollen wir euch hier nicht verraten. Denn wie sie sich später entwickelt und vor allem, wie sie aufgelöst wird, ist durchaus charmant und beinahe philosophisch.

Zurück in die Vergangenheit

Nicht nur Thimbleweed Parks Geschichte ist im Jahr 1987 angesiedelt. Das Adventure spielt sich auch wie die Klassiker aus dieser Zeit. Fun Fact: 1987 ist ebenfalls das Erscheinungsjahr von Maniac Mansion, einem anderen Spiel von Ron Gilbert.

Das bedeutet, dass ihr die meiste Zeit mit den Charakteren durch die übersichtlich gestaltete Spielwelt lauft und dabei die Umgebung sehr genau im Blick behaltet. Im Gegensatz zu modernen Adventures unterstützt euch Thimbleweed Park hierbei nicht mit Hotspot-Anzeigen oder ähnlichem, sondern verlangt euch ganz klassisch die Geduld ab, die einzelnen Bildschirme per Hand abzusuchen. Jeder Gegenstand, der irgendwie interessant sein könnte, ist schließlich anklickbar und passt oft auch in die Tasche der Figuren.

Somit sammelt ihr die meiste Zeit Objekte ein oder kombiniert Dinge in der Spielwelt mit Gegenständen aus eurem Inventar. Hinweise auf Aufgaben und Ziele liefern ein Notizbuch oder eine To-Do-Liste, die jeder Charakter bei sich trägt.

Weitere Hilfen hat dazu noch die Bevölkerung parat, mit der ihr euch unterhalten könnt. Manchmal entstehen so neue Aufgaben, manchmal schubst euch eine Unterhaltung in Richtung einer Lösung. Die Unterhaltungen sind toll vertont, allerdings ausschließlich auf Englisch. In der deutschen Version flimmern nur übersetzte Untertitel über den Bildschirm.

Freie Charakterwahl

Erfahrene Adventure-Spieler dürften generell wenig Probleme haben, die verschiedenen Rätsel im Spiel zu lösen. Sie sind recht logisch aufgebaut, unübersichtlicher wird es erst, wenn ihr mehrere Figuren steuern dürft.

Zu Beginn stehen nur die beiden Agenten unter eurer Kontrolle. Nach und nach bekommt ihr allerdings die Hintergrundgeschichten von Clown Ransome, Geist Franklin und der angehenden Spieleentwicklerin Dolores erzählt.

In den Rückblenden, welche diese Passagen zeigen, steuert ihr dann den jeweils neuen Charakter. Ab diesen Momenten reiht er sich in die Auswahl der Figuren ein, zwischen denen ihr jederzeit hin und her wechseln könnt.

Ab dann werden die Rätsel teilweise komplexer, denn es kann immer wieder vorkommen, dass ihr mit einer Figur an eine Denkaufgabe gelangt, die dafür notwendigen Gegenstände aber eine andere in der Tasche hat.

Ihr müsst also stets im Auge behalten, wer was bei sich trägt, damit ihr entsprechend reagieren könnt. Welche der Figuren ihr generell bevorzugt, das spielt allerdings keine Rolle.

Für jeden Rätselfreund geeignet

Das mag sich für manchen Adventure-Anfänger abschreckend anhören. Daher haben die Entwickler zwei Schwierigkeitsgrade in Thimbleweed Park eingebaut.

Der eine erlaubt es euch, hauptsächlich die Geschichte zu erleben und wird explizit Neueinsteigern empfohlen. Dabei fallen viele Rätsel weg oder sind deutlich einfacher gestaltet. Ein wenig Knobelei bedarf es zwar immer noch, um alle Geheimnisse zu erkunden, aber allzu frustrierend ist das Abenteuer dann nicht mehr.

Der schwierigere Weg stellt Adventure-Profis dann auf die Probe und verlangt deutlich mehr Hirnschmalz.

Die grundsätzliche Idee, zwei verschiedene Wege durch das gesamte Spiel Thimbleweed Park anzubieten, ist aber durchweg fair und somit ist das Adventure für jeden geeignet, der skurrile und gleichzeitig humorvolle Geschichten mag.

Fan-Service vom Feinsten

Abgesehen von der Optik und der Bedienung dürften sich Fans der Klassiker aber vor allem über die vielen Anspielungen auf Monkey Island und Co. freuen.

So möchte Dolores zum Beispiel Adventure-Designerin werden und bewirbt sich prompt bei MmucasFlem. Eine klare Anspielung auf LucasFilm, dem Mutterkonzern von LucasArts, der wiederum die legendären Adventures produzierte.

Fazit

Ich persönlich hatte eine Menge Spaß mit Thimbleweed Park. Die Geschichte ändert sich im Verlauf des Adventures sehr unerwartet, die Charaktere sind bis auf ganz wenige Ausnahmen liebenswert und die Rätsel sind fair und relativ logisch gestaltet. Für mich ist Ron Gilberts Oldschool-Adventure also eine absolute Kaufempfehlung.

Ich kann aber auch verstehen, dass jemand das Spiel eher belächeln könnte. Grafisch haut es einen nicht vom Hocker, auch wenn der Retro-Pixel-Look doch hier und da ein paar nette Effekte auf den Bildschirm zaubert. Hier und da könnte man die Steuerung und das Gesuche nach Hotspots und Gegenständen als fummelig bezeichnen. Letzter Kritikpunkt ist die fehlende deutsche Sprachausgabe.

Doch letztlich richtet sich Thimbleweed Park vornehmlich an Leute wie mich. Spieler, die Monkey Island und Co. gegen Anfang der 1990er Jahre gespielt und geliebt haben (oder zwischenzeitlich nachgeholt haben) und die seitdem auf neues Futter von den Größen der damaligen Adventure-Schmiede LucasArts gewartet haben. All diese Spieler holt Thimbleweed Park ab der erste Minute von insgesamt rund zehn Spielstunden ab. Auch wenn es nicht an die vielleicht verklärt im Gedächtnis gebliebenen Klassiker heranreicht.

  

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Sebastian Weber
Sebastian Weber

Seit den ersten Pixelmännchen auf einem Commodore PET, liebt Sebastian Videospiele und hat heute vom PC, über Xbox One, PlayStation 4 bis hin zur Nintendo Switch alles zu Hause stehen, was virtuelle Welten auf den Bildschirm bringt. Dabei sind vor allem Rollenspiele und Action-Titel die erste Wahl.