The Great C in der VR-Filmkritik: Traumhafte Dystopie

Aus der Feder von Philip K. Dick stammt jede Menge zeitloser SciFi-Literatur, die unter anderem den Grundstoff für Blade Runner und The Man in The High Castle lieferte. Mit The Great C kommt nun eine VR-Filmadaption der gleichnamigen Kurzgeschichte des Autors. Wir haben uns den VR-Film angeschaut – lohnt sich ein Kauf?

  • von Oliver Schmiedchen am 06.05.2019, 15:06 Uhr
The-Great-C-Header

Das VR-Studio Secret Location brachte 2017 die gelungene 360 Grad-Dokumentation Welcome to Wacken heraus, mittlerweile erschien mit The Great C das neue Werk der in Toronto und Los Angeles ansässigen Medien-Schmiede. Zwischen beiden Projekten liegen Welten – trotzdem oder vielleicht gerade deswegen ist The Great C mehr als nur einen Blick wert.

Inhaltsverzeichnis

The Great C: Finstere Dystopie

Die Prämisse von The Great C ist wenig einladend: Nach dem apokalyptischen Ereignis „The Smash“, das nicht näher erklärt wird, liegt die Welt in Trümmern. Die Menschen haben jedweder Technik entsagt und fristen ihr archaisches Dasein in kleinen Dörfern.

Allerdings ist der Verzicht nicht ganz freiwillig: Eine geheimnisvolle gottgleiche Entität namens The Great C verlangt von der verbliebenen Bevölkerung absoluten Gehorsam – bei Zuwiderhandlung droht die Auslöschung.

Als eine Art Vollstreckungsgehilfe dient The Great C ein geheimnisvolles Wesen, das halb Mensch und halb Monster zu sein scheint. Der monströse Part erinnert dabei unangenehm an den Gedankenschinder aus der zweiten Stranger Things-Staffel.

Der Film beleuchtet die Geschichte eines frisch verheirateten Paares. Der Mann, Tim wird von The Great C auserwählt, was in diesem Fall nichts Gutes bedeutet. Wer auch immer auserwählt wird, muss sich nämlich auf eine Reise ohne Wiederkehr begeben. Tims Frau Clare macht sich – entgegen den strikten Regeln des Great The C – mit ihm auf den beschwerlichen Weg.

(Alb)traumhafte Szenerie

In etwas mehr als 30 Minuten Spielzeit verfolgen wir den Verlauf der Ereignisse. Dabei überzeugt nicht nur die Geschichte, sondern auch die technische Umsetzung. The Great C ist kein Realfilm, sondern wurde komplett in der Unreal Engine 4 „gedreht“. Das Ergebnis ist eine Optik, die eher an ein aktuelles Videospiel als an eine Pixar-Produktion erinnert – das soll aber keine Kritik sein.

Künstlerisch überzeugt The Great C nämlich auf ganzer Linie, jede Szene ist visuell ein Hochgenuss. Das fängt bei den detailreichen und opulenten Hintergründen an, in den meisten Einstellungen ist beispielsweise der Turm, in dem The Great C haust, im Hintergrund zu erkennen. Dieser thront stets bedrohlich und omnipräsent über den Protagonisten – ein cleverer Kniff, der auch in Bezug auf die Story relevant ist.

Andere Szenen bekommen durch kleine Details einen surrealen Touch, wenn etwa detailreiche, farbenfrohe Blumen in Kontrast zur ansonsten trostlosen und düsteren Welt von The Great C treten. Verlassene Städte (fast) ohne Strom, ausgebrannte Autowracks und verlassenes Kriegsgerät dominieren das Gesamtbild, das an The Walking Dead oder Cormac McCarthy’s The Road erinnert.

Dichte Atmosphäre, tolle Kamera

Die Animationen der Protagonisten sind ebenfalls zum großen Teil sehr gelungen, lediglich die Augenpartien wirken in einigen Szenen unnatürlich starr. Dafür sind die Partikeleffekte, die an einigen Stellen stilistisch passend eingesetzt werden, sehr gut gelungen. Ein Sonderlob hat auch die virtuelle Kamera verdient, die die Vorzüge von Virtual Reality ein ums andere Mal geschickt einzusetzen weiß.

Leider ist bei manchen Umschnitten zwischen einzelnen Szenen nicht nur ein schwarzer Bildschirm, sondern auch die typische Windows-Ladeanimation, eine weiße Sanduhr, für Sekundenbruchteile zu sehen. Das reißt uns immer wieder kurz aus der ansonsten tadellosen Immersion von The Great C heraus.

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Zurück zu den positiven Aspekten: The Great C ist nicht nur visuell, sondern auch akustisch ein Fest. Alle Charaktere wurden von wirklich guten Sprechern vertont, die perfekt zu den einzelnen Figuren passen.

Doch damit nicht genug: Die atmosphärische Hintergrundmusik hat ebenfalls eine Auszeichnung verdient. Die Synthesizer-Untermalung erinnert stark an die besten Momente aus Ridley Scotts Blade Runner und intensiviert die dystopische Grundstimmung des Films nochmals.

Virtual Reality-Erlebnis für Jedermann

The Great C beinhaltet keinerlei interaktive Elemente, was aber überhaupt nicht schlimm ist. Dadurch, das wir nichts tun müssen, können wir voll und ganz in die Geschichte eintauchen, die trotz ihrer für einen VR-Film ordentlichen Spielzeit leider viel zu schnell vorbei ist.

Allerdings eignet sich der Film perfekt als Showcase für VR-Neulinge, was auch an den Komforteinstellungen liegt. Der Comfort-Modus bietet im Gegensatz zum normalen Cinematic-Modus weniger Kamerafahrten, was perfekt für Nutzer mit Anfälligkeit für Motion Sickness ist – oder eben für alle, die noch nie eine VR-Brille auf dem Kopf hatten.

Alle anderen sind mit dem Cinematic-Modus gut bedient, denn wilde Kamerafahrten gibt es in The Great C nämlich sowieso nicht. Sehr praktisch ist auch, dass wir den Film – so wir denn möchten – auch in Häppchen genießen können. Er ist in drei Kapitel unterteilt, die aus dem Hauptmenü einzeln anwählbar sind. Es geht sogar noch granularer: Jedes Kapitel ist wiederum in einzelne Szenen unterteilt, die wir ebenfalls gesondert ansteuern können.

Eigentlich ist The Great C auf ideale Zugänglichkeit ausgelegt – da ist es schon ein wenig schade, dass der Film ausschließlich auf Englisch verfügbar ist. Eine deutsche Sprachausgabe gibt es nicht, ebensowenig wie Untertitel. Allerdings sprechen die Bilder für sich: Auch, wer kein Englisch-Profi ist, kann an The Great C mit Sicherheit viel Freude haben.

VR-Filme sind die Zukunft

Die herausragenden Nutzerwertungen, die The Great C auf Steam und im Oculus Store einfährt, kommen nicht von ungefähr, ebenso wie die Präsenz des Films beim Filmfestival in Venedig: Die VR-Filmadaption von Philip K. Dicks Kurzgeschichte zeigt eindrucksvoll, welchen cineastischen Mehrwert der Einsatz von Virtual Reality bringen kann.

Es ist auch mit Sicherheit kein Zufall, das der Branchenriese Oculus künftig verstärkt auf VR-Filme setzen will – die Kunstform hat das Potential, mehr Menschen für VR zu begeistern, wie Secret Location mit The Great C eindrucksvoll beweist.

Unsere Wertung

Oliver Schmiedchen

Mein Fazit:

Mit The Great C ist Secret Location ein echtes Virtual Reality-Meisterwerk gelungen. Philip K. Dicks Kurzgeschichte wurde audiovisuell überzeugend in die virtuelle Realität übertragen, die Atmosphäre ist (Achtung Wortspiel) zum Schneiden dick. Die Kameraperspektiven setzen die Möglichkeiten, die VR bietet, perfekt ein und sorgen für ein cineastisches Erlebnis, das lange nachhallt. The Great C taugt auch deswegen perfekt dafür, Virtual Reality Freunden und Bekannten nahezubringen, die mit der immersiven Technologie noch keine Berührungspunkte hatten. Die gute halbe Stunde, die der VR-Film dauert, ist leider nur viel zu schnell vorbei. The Great C ist aber ein Werk, das man sich getrost mehrfach anschauen kann – die detailreiche Filmwelt hat auch dank des Rundumblicks, den VR ermöglicht auch beim zweiten und dritten Mal immer noch Neues zu bieten.

Ihr solltet euch The Great C unbedingt ansehen, wenn ihr…

  • nach einer atmosphärisch dichten VR-Erfahrung sucht
  • eine dystopische Zukunftsvision hautnah erleben wollt
  • Blade Runner 2049: Memory Lab, den dazugehörigen Film oder The Road von Cormac McCarthy mögt
  • in mit liebevollen Details gespickte beeindruckende Szenerien wie in Moss oder The Last Day Defense eintauchen möchtet

The Great C ist eher nichts für euch, wenn…

  • ihr auf der Suche nach einer interaktiven VR-Erfahrung seid
  • Action für euch das höchste Gebot ist
  • ihr nach einem VR-Film mit deutscher Sprachausgabe bzw. mit deutschen Untertiteln sucht

Den VR-Film The Great C erhaltet ihr für:

Getestet mit: Oculus Rift

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Oliver Schmiedchen
Oliver Schmiedchen

Gamer aus Leidenschaft, dabei seit PlayStation 1-Zeiten. Aktuell zuhause auf Xbox One und in Sachen VR auf dem PC. Hält die SEGA Dreamcast für die beste Konsole aller Zeiten. Feiert Musik von Gucci Mane über Led Zeppelin bis Adam Beyer.

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