Nicht jede Axt dient zur Waldarbeit: Die Zwerge im Test

Einen über 600 Seiten starken Roman als Videospiel umzusetzen ist eine Herausforderung - Die Zwerge meistern diese Hürde jedoch mit Bravour.

  • von Patricia Geiger am 07.12.2016, 16:49 Uhr

Mit dem Roman »Die Zwerge« des Autors Markus Heitz hat sich das deutsche Studio KING Art Games eine Menge vorgenommen, schließlich umfasst der Wälzer über 600 Seiten – und hat gleich mehrere Fortsetzungen sowie Spin-Offs, die das Zwerge-Universum erweitern. Die Entwickler haben diese Herausforderung jedoch nicht nur angenommen, sondern auch gemeistert und erzählen die Geschichte rund um den Zwergenschmied Tungdil Bolofar so spannend, dass wir beim Spielen gar nicht merken, wie schnell die Zeit vergeht.

Die Geschichte

Die Hauptgeschichte des Spiels orientiert sich an der Romanvorlage. Fans des Fantasy-Bestsellers werden auch mit der Spielumsetzung hochzufrieden sein, in der jede Menge Anspielungen versteckt sind. Wer den Roman nicht kennt, muss sich jedoch keine Sorgen machen: Auch ganz ohne zwergische Vorkenntnisse bekommt man im Rollenspiel eine großartge Geschichte geliefert.

Unsere Hauptfigur, der Zwerg Tungdil, wurde als Findelkind vom Magier Lot-Ionan großgezogen. Was er über Zwerge weiß, hat er sich im Lauf seines Lebens angelesen, einen anderen Zwerg hat er noch nie getroffen. Das ändert sich erst, als sein Ziehvater ihn mit einem Auftrag auf die Reise schickt und er den Zwillingen Boïndil und Boëndal begegnet. Unterwegs merkt Tungdil schnell, dass die Menschen in seiner Heimat eine Ausnahme waren. Draußen, in der »richtigen« Welt, bringen sie den Zwergen nämlich nicht gerade besonders viel Vertrauen entgegen. Je nachdem, wie wir handeln, bekommt Tungdil unter Umständen neue Verbündete oder auch neue Feinde. Und von denen hat er mit den Orks und Albae wahrlich schon genug.

Die Orks und einen Alben bekommen wir schon im Tutorial in einer Cutscene zu Gesicht, in dieser Form wird jedoch nicht die komplette Geschichte erzählt. Einen Teil davon erfahren wir auch durch vorgelesene Texttafeln, nur größere Ereignisse bekommen eine kleine Filmszene. Hier zeigen die Zwerge dann aber auch eine ihrer vielen Stärken: den Grafikstil. Statt hyperrealistisch oder comichaft haben die Entwickler auf einen ganz eigenen Look gesetzt, der ein wenig an Knetfiguren aus Stopmotion-Filmen erinnert und uns von der ersten Sekunde an extrem gut gefallen hat.

Die Weltkarte

Ein Herzstück des Rollenspiels stellt die große Weltkarte dar, auf der wir stets reisen. Sie besteht aus vielen kleinen, miteinander vernetzten Punkten. Wir können die Reisegruppe immer nur um einen Punkt in eine beliebige Richtung verschieben. Anders als in Rollenspielen wie Skyrim oder Dragon Age: Inquisition gibt es in Die Zwerge kein Schnellreisesystem, was aber auch einen guten Grund hat. Für die Reise benötigen wir Proviant, damit unsere Gruppe nicht verhungert. Jeden Tag verlieren wir Rationen und diese Tage werden auf die Reisen auf der Karte angerechnet. Die Rationen sollten uns keinesfalls ausgehen: Müssen unsere Zwerge hungern, gehen sie geschwächt in den nächsten Kampf. In Dörfern, aber auch bei fahrenden Händlern können wir entsprechend die Vorräte aufstocken.

Wo die Händler sind, erfahren wir wir ab einem gewissen Punkt im Spiel durch zusätzliche Marker auf der Karte. Sie verraten uns abgesehen von den Händlern aber auch noch, wo sich die Ork-Armee gerade herumtreibt – und selbstverständlich, wo wir uns selbst eigentlich gerade befinden.

Verschieben wir unseren Marker auf der Karte, wissen wir nicht, was uns am nächsten Punkt erwartet. Manchmal werden wir sogar zwischen den Punkten auf der Karte durch ein zufälliges Ereignis gestoppt, wie beispielsweise den Fund zweier toter Reisender. Hier wartet optional eine kleine Quest auf uns: Lösen wir das Rätsel um den Tod der beiden oder gehen wir einfach direkt weiter, weil wir eine Mission zu erfüllen haben?

Auch in Dörfern erwarten uns immer wieder kleine Nebenquests. Meist sind die Menschensiedlungen von Ork-Horden bedroht, die es zurückzuschlagen gilt. Wir können uns aber auch entscheiden, den Menschen nicht zu helfen – allerdings überrennen dann die Orks die Gemeinde und von ihr bleibt nichts übrig außer verkohlten Ruinen. 

Eine Nebenquest, die ihr euch auf gar keinen Fall entgehen lassen solltet, dreht sich um »Wackenstein«. Befreit ihr das dortige Amphitheater von Gegnern, kann dort ein Musikfestival stattfinden. Die Quest wurde als eine kleine Hommage an die deutsche Metalband Blind Guardian ins Spiel eingebaut, die für den Soundtrack den Song »Children of the Smith« beigesteuert haben. Das zugehörige Musikvideo mit Spielszenen seht ihr weiter unten.

Mit Axt und brennendem Schnaps gegen Orks

Wenn man von einer wildgewordenen Orkhorde verfolgt wird, muss man sich natürlich auch zu wehren wissen. Bloß gut, dass Tungdil und seine Gefährten – zu denen neben Zwergen später auch Menschen gehören können – bis an die Zähne bewaffnet sind und auch einige Tricks und Spezialangriffe auf Lager haben. Im Spiel gibt es drei Schwierigkeitsgrade, doch selbst auf »Einfach« stellt das Spiel bisweilen eine ziemliche Herausforderung dar, wir marschieren also auch hier nicht mal eben so durch die Orkhorden.

Die Kämpfe im Rollenspiel sind physikbasiert und laufen in Echtzeit ab. Die Physik bekommen wir schon direkt im Tutorial zu spüren. Hier gibt es neben Orks auch einen Riesen – wenn er mit der Keule auf den Boden schlägt, fliegen auch seine eigenen Kameraden im hohen Bogen von der Brücke.

Per Tastendruck lässt sich das Geschehen jedoch auch stoppen und die Lage in Ruhe analysieren, um die nächsten Züge zu planen. Auf gar keinen Fall dürfen wir zulassen, dass unsere Kämpfer von Gegnern umzingelt werden. Die Zwerge sind zwar äußerst wehrhaft, aber eben auch nicht unverwundbar. Für die Standardangriffe müssen wir unseren tapferen Kriegern übrigens keine Befehle geben. Es reicht, wenn wir sie nahe genug an den Gegner heranführen, sie greifen dann von alleine an.

In die Schlacht schicken wir neben Tungdil immer noch drei weitere Kämpfer, doch sobald einer unserer Krieger fällt, ist der Kampf vorbei und wir müssen ihn wieder von vorne beginnen. Daher ist es wichtig, ständig auch die Lebensbalken der Gefährten im Auge zu behalten und sie wenn möglich mit Heiltränken aufzupäppeln oder von den Gegnern weg in Sicherheit zu bewegen. Tränke und Amulette mit diversen Effekten müssen wir jedoch schon vor dem Kampf zuweisen – während der Schlacht ist ein Wechsel nicht mehr möglich.

Auch wen wir mit in die Schlacht nehmen, legen wir vor dem Kampf fest. Insgesamt gibt es 15 Helden, die dem Zwergenschmied im Verlauf der Geschichte zur Seite stehen können. Sie kommen mit 70 freischaltbaren Fähigkeiten. Hier verstecken sich ebenfalls einige Anspielungen. In bester Skyrim-Manier schießt unser Mitstreiter Furgas den Gegnern »Ins Knie«, wenn wir ihm den Befehl zur Spezialattacke erteilen.

Die wackeren Krieger bekommen es aber nicht nur mit einfachen Orks zu tun, sondern stehen auch Riesen, Untoten, Albae (bösartige Elben) oder auch mal einem Nachtmahr gegenüber. Durch die unterschiedlichen Gegnertypen fühlen sich die Kämpfe abwechslungsreich an und stellen den Spieler auch immer wieder vor neue Herausforderungen. Zum Beispiel kommen die Untoten immer wieder, wenn wir ihnen nicht die Köpfe abschlagen.

Fazit

Rollenspielfans werden mit den Zwergen auf jeden Fall ihren Spaß haben, und auch Spieler, die nicht allzu viel mit dem Fantasy-Genre anfangen können, sollten den etwas zu kurz geratenen Helden eine Chance geben. Die herausfordernden Kämpfe sorgen für jede Menge Spielspaß und die Geschichte um Tungdils Abenteuer wird spannend und mitreißend erzählt. Wer das Buch nicht kennt, wird auf jeden Fall ständig mitfiebern, was den Figuren als nächstes passiert, die einem schneller ans Herz gewachsen sind, als ich den Namen des Zwergenschöpfers Vraccas sagen kann. Diese sehr gelungene Kombination macht das Spiel zu einem Muss – sowohl für Rollenspiel- als auch Fantasy- und Zwergenfans. Mir hat Orks verkloppen auf jeden Fall schon lange nicht mehr so viel Spaß gemacht.

Patricia Geiger
Patricia Geiger

Mit der ersten PlayStation ist Patricia den Videospielen verfallen und seitdem nicht mehr davon losgekommen, wobei ihr Herz nach wie vor den Konsolen gehört. Eigentlich dreht sich alles um Rollenspiele, Ego-Shooter und Action-Adventures, ab und an wagt sie sich aber auch an Rundenstrategie oder Jump'n'Runs.