Moss im PSVR-Test: Ein Meisterwerk moderner Erzählkunst

Eine kleine, unfassbar niedliche Maus dreht allen anderen VR-Spielen eine Nase und zeigt mit atemberaubender Leichtigkeit, was Virtual Reality alles kann. Wie hat Polyarc das hinbekommen?

  • von Benjamin Danneberg am 25.06.2019, 12:06 Uhr
Moss-Header

Um ein Spiel für die Virtuelle Realität perfekt zu machen, müssen Entwickler VR wirklich verstanden haben. Sie müssen das Potential, die Möglichkeiten der neuen Technologie wirklich erkennen. Dann braucht das Spiel eine berührende Geschichte, greifbare (!) Charaktere und eine bis ins kleinste Detail ausgefeilte Präsentation. Der Spieler muss von der Welt, die ihm präsentiert wird, einfach umgehauen werden. Und die Steuerung muss absolut intuitiv angelegt sein – egal welches Eingabegerät genutzt wird.

Das sind nur wenige Punkte, aber da steckt eine riesige Herausforderung drin. Viele VR-Spiele haben einiges davon gut, anderes nur mäßig umgesetzt. Doch es gibt ein Entwicklerstudio, dass all diese Punkte und die vielen damit einhergehenden Unterpunkte nicht einfach nur gut gemacht hat: Polyarc hat mit Moss – noch vor dem ähnlich genialen Astro Bot: Rescue Mission – das erste Spiel veröffentlicht, dass den viel beschworenen Begriff „Killer-App“ vollumfänglich verdient. Im Test begründen wir die Krönung dieses Spiels ausführlich.

  1. Moss: Ein Märchenbuch erwacht zum Leben
  2. Der Fall der vierten Wand
  3. Durchdachtes Action-Adventure
  4. Mit Quill Kopfnüsse knacken
  5. Herz, Herz und noch mehr Herz
  6. Cuteness awaits!
  7. PSVR-Tracking mit kleineren Problemen
  8. Die Märchen des 21. Jahrhunderts werden in VR erzählt
  9. Unsere Wertung

Moss: Ein Märchenbuch erwacht zum Leben

Mit der PlayStation VR auf dem Kopf und einem Dualshock-Controller in der Hand (wir testeten auf einer PS4 Pro), starten wir Moss. Wir befinden uns in einer alten Schreibhalle, in der vielleicht irgendwann einmal Mönche gesessen und alte Schriften übersetzt haben. Vor uns befindet sich ein Buch, das wir mit Druck auf die Schultertasten des Controllers und einer passenden Bewegung aufschlagen.

Damit beginnt unsere Abenteuer-Reise in das Land Moss. Die Geschichte wird uns wie ein Märchen erzählt und von einer fantastischen Vorleserin vorgetragen, die den Charakteren der Geschichte mit ihrer Stimme Leben verleiht. Moss hatte schwere Zeiten zu überstehen und unter der Boshaftigkeit einer Monsterschlange zu leiden, die von der Gier nach sagenumwobenen Glasrelikten getrieben wird und auf ihrem Weg alles zerstört, was ihr in die Quere kommt.

Quill stolpert über ein solches Relikt und wir sehen dabei zu. Dabei finden wir uns in einem Wald wieder, der vor Details nur so strotzt: Gras, Büsche, Bäume, Wasser und sogar ein paar Vögel, die uns und die kleine Quill erschrecken, vermitteln eine glaubhafte Atmosphäre. Alles wirkt riesig, denn wir schauen aus mittlerer Entfernung auf Quills Welt – und die kleine Maus ist ja nun mal sehr klein.

Der Fall der vierten Wand

Wir können uns vorbeugen und alles aus der Nähe ansehen, auch die großartig animierte Maus. Huch! Sie sieht uns ja und winkt uns zu! Damit ist die vierte Wand (die Grenze zwischen Zuschauer und Protagonist) durchbrochen: Wir, die Zuschauer und Spieler, werden direkt einbezogen. In der Geschichte sind wir „Der Leser“ und wir begleiten Quill ab sofort durch ihre kleine Welt.

Ein Moss für Videospiel-Fans!
SONY PlayStation VR + Move Motion Controllers + Camera + VR Worlds
SONY PlayStation VR + Move Motion Controllers + Camera + VR Worlds
€ 349.99

Und was das für eine Welt ist! Wir bereisen Waldgebiete mit Seen und Sümpfen, malerische Dörfer, Burgen, staubige, verlassene Innenräume und dunkle, kalte Höhlen, indem wir Quill mit dem linken Analogstick steuern. Mit X springen wir über Abgründe oder ziehen uns an Vorsprüngen hoch, mit der Quadrat-Taste zieht die mutige Maus ihr Schwert und fährt eine Attacke nach der anderen.

Durchdachtes Action-Adventure

Zu Beginn hatten wir größten Spaß dabei, mit dem Schwert Gras zu mähen oder Kisten zu zerdeppern. Später kämpfen wir gegen fiese Metallkäfer und explosive Experimente. Diese Auseinandersetzungen sind teilweise richtig hart: Wir können keine Ausweichrolle oder ähnliches ausführen, sondern müssen uns mit gutem Timing und sinnvoller Bewegung behelfen.

Allerdings dürfen wir Quill in unserer Eigenschaft als ihr Begleiter unterstützen: Wir können Gegner packen und selbst steuern (mit den Schultertasten festhalten, mit der Bewegung des Controllers lenken) und sie gleichzeitig mit Quill in alle Einzelteile zerlegen.

Hier zeigt sich die perfekt durchdachte Steuerung: Auch wenn wir manche Kämpfe mehrfach bestreiten mussten, bis wir den Dreh raushatten (vor allem gegen viele Feinde!), können wir mit der Steuerung sowohl Feinde als auch Quill gleichzeitig lenken und so eine wunderbar elegante Prügelei anzetteln. Greifen wir uns eines der explosiven Giftexperimente und ziehen es zu zwei Kampfkäfern, um gleich drei auf einen Streich zu erwischen, können wir gleichzeitig mit Quill einen Feuerkäfer abstechen, der uns mit seinen Feuerbällen beharkt.

Die Kämpfe sind schnell und wunderbar animiert. Sie machen aus Moss ein echtes Action-Adventure, auch wenn die Gegner-Varianten nicht sonderlich vielfältig sind. Aber das macht nichts, denn die Kämpfe sind gut zwischen den Rätselpassagen verteilt.

Mit Quill Kopfnüsse knacken

Die Rätsel bestehen in der Regel darin, den Weg zu finden bzw. freizuräumen. Es gibt fast immer zwei Ziele in einem Level: Der Weg nach draußen und eine Schriftrolle, die ein Fragment eines Bildes des Lesers beinhaltet. Das Bild wird in der Schreibhalle neben dem Märchenbuch, das wir lesen, zusammengesetzt. Um die Schriftrollen zu finden müssen wir uns die Levels genau anschauen und auch mal aufstehen (so richtig von der Couch hoch!) oder hinter bzw. unter Dinge schauen.

Wir helfen Quill natürlich auch mit unseren übernatürlichen Kräften und verrücken Statuen, übernehmen Feinde, um mit ihnen auf Auslöser zu schießen oder machen riesige Türen für die kleine Maus auf. Die Puzzles brauchen teilweise einiges Köpfchen, sind aber nie unfair. Alle Hinweise, die wir brauchen, alle Mechaniken, sind sichtbar im Raum verteilt. Wir müssen nur genau hinsehen und uns die richtige Reihenfolge der notwendigen Aktionen überlegen.

Herz, Herz und noch mehr Herz

Haben wir ein besonders kniffliges Rätsel geschafft, feiert Quill das mit unfassbar niedlichen Animationen; manchmal gibt sie uns sogar ein High Five: Wir schlagen mit einer vorsichtigen Controllerbewegung ein. Durch diese und viele andere Interaktionen zwischen uns und Quill(sie gibt uns beispielsweise Hinweise auf Lösungen, indem sie auf etwas zeigt oder etwas vormacht), wächst uns die kleine Maus richtig ans Herz.

Und natürlich ist auch die Geschichte etwas fürs Herz. Die abenteuerliche Suche (die wir natürlich nicht spoilern) ist zwar keine epische Geschichte, kein tiefgründiger Roman: Wir spielen in einem Märchen mit, einem einfachen, aber ergreifenden Märchen.

Alles wirkt wie aus einem Guss. Selbst die zunehmenden Steampunk-Elemente wie mechanische Gegner oder monströse Geschütze, die die kleine Maus grillen wollen, passen perfekt in die abwechslungsreiche Welt.

Cuteness awaits!

Wir widerholen uns: Und was für eine Welt das ist! Die scharfe und klare Grafik, die erweiterte Diorama-Optik (wir schauen nicht bloß in einen Schaukasten, wir sind selbst in diesen Schaukasten, in die Welt integriert), der satte Umgebungssound, die wundervolle Erzählerstimme, die großartige Lichtstimmung bis hin zur Tatsache, dass wir uns selbst, als Leser-Figur, im Wasser spiegeln können: Atemberaubend!

DAS VR-Spiel
Moss [PlayStation 4]
Moss [PlayStation 4]
€ 29.99

Quill ist zudem wohl das Niedlichste, was wir je in einem Spiel gesehen haben. Die Animationen sind so perfekt, so glatt, so glaubwürdig, dass wir es manchmal gar nicht richtig fassen können. Wenn wir die kleine Maus heilen oder einfach nur kraulen und sie sich danach hinter den Mauseohren kratzt: Herzallerliebst!

Spätestens wenn sie uns zwischendurch übermütig zuwinkt, verlieren wir endgültig unser Herz an Quill. Und der Blick, den sie uns zuwirft, wenn wir das erste Mal eine dieser riesigen Steintüren geöffnet haben und dahinter den dunklen, bedrohlichen Weg gesehen haben – so als ob wir uns wortlos verstehen und dasselbe denken… das müsst ihr einfach erlebt haben!

PSVR-Tracking mit kleineren Problemen

Ihr wollt Kritik? Okay, es gibt ein paar Kleinigkeiten, an denen wir herummäkeln können – auch wenn uns das ein bisschen wie Hochverrat an Quill vorkommt. Die Spielwelt bewegt sich manchmal etwas mit und bleibt nicht immer sauber an Ort und Stelle. Ähnlich wie ab und an vorkommende Trackingprobleme liegt das aber an der Hardware: Das PSVR-Tracking hat nun mal öfter seine Probleme.

Dafür kann das Spiel aber nichts und das kreiden wir ihm deshalb auch nicht an. Wenn wir mit etwa zwei Metern Abstand mittig im Trackingbereich sitzen (wir können jederzeit komfortabel über das Menü unsere Blickrichtung resetten), dann funktioniert in der Regel alles reibungslos und sauber.

Die Märchen des 21. Jahrhunderts werden in VR erzählt

Einige von uns haben es vielleicht erlebt, andere kennen es aus Filmen: Wenn Oma oder Opa in kalten Winternächten mit den Enkeln vorm Kamin saßen und Märchen vorlasen, dann strahlten glückliche Kinderaugen. Polyarc Games hat diese Szene in die Moderne, in die virtuelle Realität übersetzt: Wir bekommen nicht nur eine Geschichte erzählt, wir sind auch gleichzeitig mittendrin. Das ist ganz große und hochmoderne Erzählkunst!

Das Beste haben wir uns für den Schluss aufgespart: Das Spiel behandelt nur das erste Buch rund um die Welt Moss. Wir werden also wieder mit der kleinen Quill Abenteuer erleben dürfen – ein erster Gratis-DLC wurde bereits angekündigt. Und dafür sind wir Polyarc Games wirklich dankbar!

Soviel zur PSVR-Version – auch zur PC-Umsetzung des VR-Knallers haben wir einen Test parat.

Benjamin Danneberg

Mein Fazit:

Es ist kaum in Worte zu fassen, wie unfassbar großartig dieses Spiel gemacht wurde. Moss ist handwerklich perfekt gebaut, es fühlt sich so fantastisch an und bietet darüber hinaus so viel Herz. Die Entwickler von Polyarc Games zeigen hier, wie gut sie VR verstanden haben - und das merkt man jedem Level und jeder Bewegung von Quill an. Selbst kurze Szenen, durch die wir mit Quill bloß hindurchlaufen, sind umwerfend gut gestaltet. Wenn ihr ein VR-Spiel sucht, dass euch emotional berührt, alle paar Minuten den Mund vor lauter Staunen offenstehen lässt, ein tolles Märchen erzählt und sämtliche Stärken von Virtual Reality ausnutzt, dann kann ich euch Moss nur wärmstens ans Herz legen.

Ihr solltet Moss spielen, wenn ihr

  • erfahren wollt, was wahre Niedlichkeit ist.
  • erleben wollt, wie ein waschechtes Action-Adventure in VR geht.
  • euch nicht vorwerfen wollt, ein Meisterwerk verpasst zu haben.
  • euch nach diesem Review die Ausreden dafür, es nicht zu spielen, ausgegangen sind.

Ihr solltet um Moss einen Bogen machen, wenn ihr

  • anstelle eines Herzens einen Stein in der Brust habt.
  • keine Lust auf eins der besten VR-Spiele überhaupt habt.

Das hervorragende VR-Abentuer Moss erhaltet ihr hier:

Getestet mit: PlayStation VR

Besucht uns auf Facebook und Instagram und diskutiert mit uns über eure Lieblingsspiele!

Benjamin Danneberg
Benjamin Danneberg

Projektmanager GameZ. Privat auf SPACE4GAMES zuhause. Bekennender "Life is Strange"-Fanboy und Baldur's Gate-Profi.

Passende Produkte
PlayStation VR Games

Produkte im nächsten MediaMarkt entdecken