Ghost Giant im Test – Ein knuffiges VR-Puzzle-Adventure

Ghost Giant erzählt von einer wunderbaren Freundschaft zwischen einem kleinen Jungen und einem riesigen Geist, der ihm ständig aus der Patsche hilft. Wir haben das erste VR-Spiel der Macher von Fe und Flipping Death für euch getestet.

  • von Sönke Siemens am 09.05.2019, 14:36 Uhr
Ghost Giant PSVR Aufmacher

Erinnert ihr euch noch nach das interaktive Drama Beyond: Two Souls vom französischen Entwickler Quantic Dream? Darin steuert ihr nicht nur die mit übernatürlichen Kräften ausgestattete Jodie Holmes, sondern phasenweise auch ihren in Geist-Form auftretenden Begleiter Aiden. Ghost Giant aus der Feder des schwedischen Indie-Studios Zoink Games greift zu einem ähnlichen Spielprinzip.

Auch hier schlüpft ihr in die Rolle eines Geists, der einem Menschen hilft. Im Gegensatz zu Aiden ist der namensgebende Ghost Giant allerdings durch und durch friedlich und ein richtig netter Kerl, der alles daran setzt, das durcheinander gewürfelte Leben seines Schützlings wieder in die richtigen Bahnen zu lenken.

  1. Ghost Giant + Louis: Plötzlich beste Freunde
  2. Leicht verdauliche Rätselkost
  3. Schau genau
  4. Jedes Level ein kleines Kunstwerk
  5. Das Tracking Problem im Detail
  6. Unsere Wertung

Ghost Giant + Louis = Plötzlich beste Freunde

Die emotional bewegende Geschichte von Ghost Giant beginnt am Ufers eines Weihers. Dort lernt ihr zum ersten Mal Louis kennen. Der Junge ist todunglücklich und schluchzt wie ein Wasserfall. Naja, zumindest solange, bis ihn die Hand eines geisterhaften Riesen (das seid ihr!) anstupst.

Louis traut seinen Augen nicht, rennt sofort weg und versteckt sich ängstlich hinter einem Busch. „Das ist nicht real“ stammelt Louis aufgeregt, merkt dann allerdings recht schnell, dass ihr ihm nichts Böses wollt.

Im Gegenteil: Als Louis kurze Zeit später vor Schreck ins Wasser plumpst und ihr ihm sofort einen Rettungsring zuwerft, schöpft er zunehmend Vertrauen. Nicht nur das: Schon bald hat er euch richtig gern und bittet euch immer wieder, ihm bei all seinen Problemen unter die Armee zu greifen.

Riesige verwelkte Sonnenblumen aus einem Feld rupfen, einen schweren Autoreifen an ein Fahrzeug montieren, Felsbrocken aus dem Weg räumen – bereits in den ersten Spielminuten gibt es einiges zu tun. Während all dies geschieht, erfahrt ihr immer mehr über Louis und warum er derzeit von einer Misere in die nächste stolpert. Wir wollen nicht zu viel verraten, aber Louis’ Mutter ist ziemlich knapp bei Kasse und obendrein krank. Kein Wunder also, dass ihr Sohn alle Hebel in Bewegung setzt, um den Alltag trotzdem zu meistern.

Leicht verdauliche Rätselkost

Spielmechanisch resultiert dies in dutzenden VR-typischen Rätseln, die prima in die insgesamt 14 Kapitel umfassende Geschichte integriert wurden. In Kapitel vier zum Beispiel blockiert ein Aufschneider-Trio eine Brücke und verlangt Kunst als Wegezoll. Louis kann nicht sonderlich gut malen, weshalb er natürlich sofort seinen überdimensionierten Kumpel beauftragt, verschiedene Farben in der Umgebung zu finden und dann auf eine Leinwand zu klatschen.

Wie so oft in Ghost Giant ist dabei eine gesunde Portion Querdenken hilfreich. Die Farbe Rot zum Beispiel erhaltet ihr in der eben skizzierte Situation erst, wenn ihr einen Pinsel in eine Kiste voller saftiger Tomaten tunkt. Schwarz wird verfügbar, wenn ihr ein defektes Moped solange durchschüttelt, bis Öl heraustropft.

Gelb erfordert, dass ihr euren Pinsel in die Blüte einer Sonnenblume taucht. Und Blau steht euch erst dann zur Verfügung, wenn ihr einen weiter entfernten Tanklastwagen mit einem Gegenstand bewerft. Ergebnis: Farbe tropft in den angrenzenden Fluss und schwimmt in eure Richtung.

Schau genau

Die Rätsel sind nie wirklich harte Kopfnüsse, erfordern allerdings, dass ihr alle Gegenstände in der Umgebung genau inspiriert. Dabei gilt: Schimmert etwas in Gold, ist es in der Regel besonders wichtig. Ebenfalls prima gemacht und mittlerweile eigentlich Standard im Genre: Fällt euch ein wichtiges Interaktionsobjekt aus Versehen aus der Hand und ist nicht mehr greifbar, taucht es meist nach wenigen Sekunden wieder dort auf, wo ihr es ursprünglich gefunden habt.

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Kommt ihr dagegen mal überhaupt nicht weiter, bleibt noch das clever designte Tipp-System. Hierzu einfach kurz Louis mit dem ausgestreckten Zeigefinder anstupsen, schon kommentiert er das aktuelle Problem und lässt dabei meist einen nützlichen Hinweis fallen.

Allerdings nur auf Englisch mit sehr guten deutschen Untertiteln, in denen immer wieder auch typisch deutsche Redewendungen vorkommen. Zitat: „Hier sieht’s ja aus wie bei Hempels hinterm Sofa.“ Deutsche Synchronsprecher wie etwa in A Fisherman’s Tale sucht ihr bei Ghost Giant jedoch vergebens.

Jedes Level ein kleines Kunstwerk

Optisch hinterlässt das Indie-Projekt einen ganz fabelhaften Eindruck. Egal, ob Bauernhof oder Marktplatz, Frachthafen oder Friedhof – die mehr als ein halbes Dutzend Szenarien sind echte Hingucker und gespickt mit hübschen Details. Im Hafen-Level zum Beispiel müsst ihr zunächst einen Kran instand setzen und könnt diesen dann mit Hilfe von zwei Hebeln steuern. Der Greifarm jedoch bewegt sich nicht einfach nur starr an einer Kette hängend durch die Luft, sondern schwenkt je nach Drehrichtung des Krans physikalisch korrekt hin und her.

Apropos drehen: Eure Spielfigur verharrt in jedem Level an einem vorgegebenen Ort und blickt von dort auf das Geschehen um ihn herum. Allerdings könnt ihr den Blickwinkel in jedem Szenario mit der Kreuz- und Kreis-Taste nach links respektive nach rechts drehen, was zusätzliche Übersicht gewährt. Hektisches Teleportieren oder wilde Kamerafahrten gibt es in Ghost Giant hingegen nicht, wodurch sich das VR-Spiel auch prima für alle mit einem schwachen Magen eignet.

Um VR-Entdecker zu belohnen, verstecken die Macher zudem vier Arten von Sammelobjekten in den einzelnen Abschnitten. Raupen, die es zu berühren gilt; Hüte, die ihr aufheben müsst; Windräder, in die ihr mit Hilfe des PSVR-Mikrofons hineinpusten müsst und Basketbälle. Letztere gelten aber erst dann als gefunden, wenn ihr sie auch in den dazu passenden Basketballkorb schleudert.

Das Tracking-Problem im Detail

Womit wir auch schon bei einem der wenigen Stolpersteine von Ghost Giant wären: der Steuerung. Diese ist speziell beim Körbe-Werfen extrem unpräzise und hat zudem ungewöhnlich häufig mit dem eingeschränkten Tracking-Bereich der PlayStation Kamera zu kämpfen.

Konkreter formuliert: Immer wieder kommt es vor, dass die Move Controller bei Bewegungen in die Tiefe des Raums in einer unsichtbaren Wand steckenbleiben. Steht Louis oder ein anderes wichtiges Interaktionsobjekt hinter einer solchen unsichtbaren Wand, könnt ihr ihn bzw. es leider nicht erreichen. Nicht nur für VR-Einsteiger ziemlich frustrierend!

Zugegeben, die Problematik lässt sich spürbar entschärfen, wenn ihr euch weiter vom Fernseher entfernt und so den Sichtkegel der PlayStation Kamera vergrößert. Das Problem: Fällt diese Entfernung zu groß aus, kann die Kamera die Leuchtdioden am Headset nicht mehr optimal tracken, woraufhin das Bild minimal zu schwanken beginnt.

Für Personen, die jemandem beim Spielen zugucken, fallen diese Schwankungen kaum auf. Für den Headset-Benutzer kann dies jedoch sehr schnell sehr unangenehm werden, zumal künstliche, nicht vom Nutzer ausgelöste Bild-Schwankungen nicht selten Motion Sickness begünstigen. Unser Tipp: Spielt Ghost Giant am besten im Stehen, platziert die PlayStation Kamera oben auf dem TV und steht etwa zwei Meter von diesem entfernt.

Unsere Wertung

Sönke Siemens

Mein Fazit:

Ghost Giant durchzuspielen dauert zwar kaum mehr als drei Stunden. Diese Zeit jedoch vergeht wie im Flug und konfrontiert euch mit einer toll geschriebenen und visuell sehr ansprechend inszenierten Geschichte. Ein Coming-of-Age-Abenteuer, das öfter mal schmunzeln lässt, aber hin und wieder auch zum Nachdenken anregt. Denn trotz friedlichem Setting und herzallerliebstem Geister-Helden spricht die schwedische Autorin und Schriftstellerin Sara Bergmark Elfgren hier auch durchaus ernste Themen an.

Was bleibt ist ein überaus charmantes VR-Erlebnis für die ganze Familie, welches – sieht man mal über die Tracking-Ungereimtheiten hinweg – von Anfang bis Ende motiviert. Adventure-Veteranen mit einer Vorliebe für richtige knackige Rätselkost dürften sich allerdings etwas unterfordert fühlen.

Ihr werdet Ghost Giant sofort ins Herz schließen, wenn ihr:

  • auf der Suche nach einer kurzen, dafür aber umso charmanter geschriebenen Geschichte seid
  • gerne in VR knobelt und dafür bevorzugt beide Hände einsetzt
  • einen VR-Titel spielen wollt, bei dem die ganze Familie am Fernseher miträtseln kann

Ghost Giant ist wahrscheinlich nichts für euch, wenn ihr:

  • keine Geduld habt, euch mit den Tücken des PSVR-Trackings auseinander zu setzen
  • Knobel-Adventures nur in Angriff nehmt, wenn sie eure grauen Zellen wirklich richtig herausfordern
  • Spielen mit einem allzu knuffigen Grafikstil auch in der Vergangenheit nichts abgewinnen konntet

Das VR-Adventure Ghost Giant bekommt ihr für:

PlayStation VR im PlayStation Store

Getestet mit: PlayStation VR

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Sönke Siemens
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