Dishonored 2 im Test: Stealth, Action und ganz viel Freiheit

Wie im vier Jahre alten Vorgänger wird auch in Dishonored 2 geschlichen und gemeuchelt. Allerdings an einem neuen Ort, mit einem zweiten Protagonisten und mehr übersinnlichen Kräften.

  • von Stephan Freundorfer am 17.11.2016, 12:10 Uhr

15 Jahre sind seit den Geschehnissen des ersten Dishonored vergangen, da gerät der Ex-Königinnen-Leibwächter und damalige Held Corvo Attano ein zweites Mal mit mächtigen Verschwörern aneinander. Seine Tochter Emily wird von der finsteren Delilah, unterstützt vom Statthalter der Südprovinz Serkonos und dessen gewaltigen und todbringenden Uhrwerk-Soldaten, ihres Throns beraubt.

Dishonored 2-Spieler erleben bereits in den ersten paar Minuten einen großen Showdown im Kronsaal, bei dem entweder Corvo oder Emily zur Säule erstarrt und der jeweils andere der beiden als Spielfigur gewählt wird. Es schließt sich ein rund zwölfstündiger Kampf gegen Soldaten, Hexen, Templer, Banditen und allerlei hochrangige Persönlichkeiten der Spielewelt an, an dessen Ende eines von mehreren möglichen Finalen steht: Je nach Vorgehensweise des Spielers wird das fantasievoll inszenierte Steampunk-Universum heller oder düsterer. Wer viel mordet, bringt mehr Chaos in die Welt als der, der seine Gegner umgeht oder auf lebensschonende Weise aus dem Weg räumt.

Nicht ganz der Vater

Wer das erste Dishonored gespielt hat, kennt den Protagonisten Corvo Attano, seine Klinge und Armbrust und sicher auch seine übernatürlichen Fähigkeiten, die in Kombination mit der offenen Welt und ihren zahlreichen Bewohnern eine Vielzahl möglicher Wege durch die Levels erlauben. Wer gut verborgene Runen findet, kann diese in das Freischalten und den Ausbau von Skills wie Nachtsicht oder Teleportation investieren, kann durch seine Fähigkeiten die Zeit verlangsamen, Rattenschwärme oder Windstöße auf den Gegner hetzen, menschliche Silhouetten durch Wände wahrnehmen oder in den Körper anderer Wesen schlüpfen.

Emily besitzt einen beinahe komplett anderen Satz an Skills: Neben der Nachtsicht beherrscht sie eine geschmeidigere Form der Teleportation, kann Gegner durch Trugbilder ihrer Person oder einen hypnotisierenden Dimensionsriss ablenken, kriecht als flinker Schatten über den Boden oder markiert ihre Feinde, um bis zu vier von ihnen durch den “Domino”-Effekt zu verknüpfen. Was anschließend einem Gegner passiert – ob ein Stich in den Rücken, eine Strangulation oder die Betäubung mittels Armbrustpfeil -, passiert gleichzeitig allen. 

Erkunden und Erleben

Wer viel Zeit und Geduld mitbringt, seine Umgebung genau erforscht und klug, geschickt sowie unter Kenntnis all seiner Möglichkeiten agiert, der kann Dishonored 2 ohne einen Mord beenden. Selbst Zielpersonen, die aus dem Weg geräumt werden müssen, um eine Mission erfolgreich zu überstehen, lassen sich durch meist aufwendigere Methoden ohne Tötung neutralisieren. Apropos Umgebung: Die aus Teil 1 bekannte Walfänger-Metropole Dunwall spielt nur noch eine Nebenrolle in Dishonored 2, hauptsächlich schlägt sich der Spieler durch die mediterran anmutende Hafenstadt Karnaca

Neben der Tödlichkeit der Vorgehensweise wird am Ende jedes der zehn Levels auch ausgewertet, ob der Spieler eher auf Schleichen oder direkte Konfrontation aus war. Das Stealth-Spiel funktioniert perfekt in der Welt von Dishonored 2, bedarf aber guten Auges und kühlen Gemüts. Die direkte Konfrontation kann manchmal Hindernisse flotter aus dem Weg räumen, wächst sich aber mitunter dank herbeigerufener Verstärkung zum totalen Chaos und einem allzu schnellen Ende von Corvo oder Emily aus.

Ein zweiter Durchgang ist Pflicht

Schon nach dem ersten Durchspielen hat man irre viel gesehen und erlebt in Dishonored 2, hat den Einfallsreichtum der Autoren und Leveldesigner genossen und die einzigartige Atmosphäre der fantastischen Szenerie aufgesogen. Doch ein zweiter Durchgang lohnt, macht sogar erst richtig deutlich, wie rund und vielfältig diese Welt gestaltet ist: Viele Ereignisse hängen von Entscheidungen des Spielers ab, er formt sie in gewisser Weise durch seine Handlungen, wird auf mehreren Ebenen belohnt für sein überlegtes Spiel.

Dafür, dass einem trotz Kenntnis der Story beim zweiten Durchspielen nicht langweilig wird, sorgt allein schon die Unterschiedlichkeit der beiden Helden: Gefühlt schreitet Corvo aggressiver zur Tat, während einem Emily dank ihrer besonderen Skills das Stealth-Spiel erleichtert.

Fazit

Wer das erste Dishonored liebte, wird Teil 2 verehren – das Action-Adventure der französischen Arkane Studios hat in allen Aspekten zugelegt, eines der besten und stilvollste Spiele der vergangenen Jahre wurde noch ein Stück besser gemacht. Aber auch Neueinsteiger leisten sich mit Dishonored 2 keinen Fehlgriff, so sie auf Stealth-Mechanik, spielerische Freiheit und facettenreiche Geschichten stehen, die bereits durch die Spielumgebung eindringlich erzählt werden.

Einzig in technischer Hinsicht schwächelt der Titel, die Bildrate ist (auf PC, PS4 wie Xbox One) beizeiten arg niedrig, zudem ist die Intelligenz der Gegner (wenn auch zum Glück durchschau- und ins eigene Vorgehen einkalkulierbar) nicht selten ziemlich schwach, was ihr Verhalten realitätsfern macht.

Stephan Freundorfer
Stephan Freundorfer