Defector im Test – Abwechslungsreicher Agenten-Thriller für Oculus Rift

Nach dem gelungenen Psycho-Thriller Wilson’s Heart wandelt der texanische Entwickler Twisted Pixel Games nun auf den Spuren von James Bond, Ethan Hunt und Jason Bourne. Was das Oculus-exklusive Agentenabenteuer sonst noch draufhat, zeigt unser Test.

  • von Sönke Siemens am 08.08.2019, 18:00 Uhr
Defector Faustkampf

Sei es nun Splinter Cell (Kaufen!), Hitman (Kaufen!) oder Metal Gear Solid (Kaufen!) – Videospiel-Serien mit Agententhematik gibt es auf PC und Konsolen zur Genüge. Schaut man sich dagegen im VR-Sektor nach passablen Undercover-Abenteuern um, schrumpft die Auswahl auf einige wenige Titel wie I Expect You To Die, Blood & Truth (Kaufen!) oder Esper 2 zusammen. Umso mehr freut es, dass mit Defector nun ein weiter, vielversprechender Agenten-Thriller erschienen ist.

Inhaltsverzeichnis

  1. Geschichten aus dem Leben eines Agenten
  2. Kämpfen ist nur die halbe Miete
  3. Wiederspielwert durch Entscheidungssituationen
  4. Verrückte Freispiel-Extras
  5. Schicke Optik aber zähe Ladezeiten
  6. Unsere Wertung

Geschichten aus dem Leben eines Agenten

Der Beginn der Story weckt Erinnerungen an den Anfang von Blood & Truth. Ihr sitzt an einem Tisch und erhaltet eine Standpauke von einer Person, die haarklein wissen möchte, was sich während eures letzten Einsatzes zugetragen hat. Statt die Antwort jedoch in einem langwierigen Gespräch zu rekapitulieren, erlebt ihr die Geschehnisse in Form von verschiedenen Flashbacks, sprich Rückblenden.

Im Falle von Defector findet ihr euch einige Minuten nach Spielstart in der Luxustoilette eines Privatjets wieder, der in 12.200 Metern Höhe durch den Luftraum der Karibik donnert. Was genau ihr hier sollt, wird erst klar, nachdem ihr euch eine Hightech-Kontaktlinse ins Auge gedrückt und ein winziges Funkgerät ins Ohr gestöpselt habt. „Wenn du mich gut verstehen kann, einfach kurz nicken“, fordert euch eure Kontaktperson Doran am Ende der Leitung auf. Anschließend bittet er euch, schnellstmöglich Pascal aufzusuchen.

Wir wollen nicht zu viel vorweg greifen, aber Pascal ist ein international gesuchter Waffenhändler, der sich gegen nahezu alle Risiken abgesichert hat. Entsprechend wundert es auch nicht, dass die Situation an Bord schon bald eskaliert, Pascal die Piloten im Cockpit mit einer Art Nervengas außer Gefecht setzt und ihr mit einem Fallschirm auf dem Rücken nach einem Ausweg aus der sich anbahnenden Katastrophe sucht.

Bevor es allerdings soweit ist, müsst ihr noch einen Safe knacken, euch bei aufgerissener Bordwand mit schießwütigem Wachpersonal duellieren und einen stämmigen Leibwächter im Nahkampf besiegen. Nicht zu vergessen die spektakuläre Flucht aus dem Frachtraum des Flugzeugs mit Hilfe eines Supersportwagens.

Und es wird noch besser, denn nach einem atemberaubenden Stunt findet ihr euch an Bord eines zweiten Flugzeugs wieder, das plötzlich von Kampfjets angegriffen wird – die ihr natürlich eigenhändig mit einem Sturmgewehr vom Himmel fegt. Ziemlich abgefahren! Und optisch erstaunlich gut inszeniert.

Kämpfen ist nur die halbe Miete

Dass Defector auch durchaus ruhigere Töne schlägt, beweist Level zwei. Auf einem indischen Wochenmarkt gilt es, sich Zugang zu einem Kampfsportturnier zu verschaffen. Damit’s klappt, bestehlt ihr unter anderem einen musizierenden Bettler und setzt dessen hart verdiente Groschen beim Pachinko, beim Würfeln und anderen Glückspielaktivitäten ein.

Witzige Idee: Mit Hilfe eines magnetischen Rings beeinflusst ihr die verschiedenen Minispiele zu euren Gunsten. Beim Pachinko etwa lenkt ihr die Metallkugel genau in den Auffangbehälter mit der höchsten Punktzahl.

Um für wachsechtes Agentenfeeling zu sorgen, setzen die Macher zudem immer wieder auf spannend inszenierte Dialogsituationen. In Level drei zum Beispiel könnt ihr mit Hilfe einer Maske und eines Stimmmodulators in die Rolle einer Zielperson namens Jimi schlüpfen, um ein Luxushotel ohne nervenaufreibenden Schusswechsel zu verlassen.

Anfangs klappt das ganz gut. Dann allerdings schöpft die Rezeptionistin Verdacht und stellt euch unangenehme Fragen. Damit ihr der Situation trotzdem ohne Kugel im Kopf entkommt, müsst ihr der Dame nun Anekdoten aus der jüngeren Vergangenheit von Jimi auftischen.

Doch das ist leichter gesagt als getan, denn in jeder Phase des Dialogs stehen vier Antwortmöglichkeiten zur Verfügung. Welche die richtige ist, kriegt ihr dabei nur heraus, wenn ihr Jimis Hotelzimmer in der Sequenz zuvor aufmerksam nach Hinweisen abgesucht habt. Natürlich könnt ihr auch raten, liegt ihr jedoch daneben, steigt eine Misstrauensanzeige immer weiter an.

Was bleibt, ist eine spannende umgesetzte Mechanik, die hervorragend zur Agententhematik passt. Einziger Wermutstropfen: Wer kein oder nur wenig Englisch spricht, stößt mangels deutscher Untertitel spätestens in den Dialogsequenzen an seine Grenzen.

Wiederspielwert durch Entscheidungssituationen

Mit einer Spielzeit von circa fünf Stunden ist Defector leider kein sonderlich langes Vergnügen. Um dennoch für einen gewissen Wiederspielwert zu sorgen, verfügen vier der fünf Missionen über einen sogenannten “Branching Point”. Zu Deutsch: An einem gewissen Punkt innerhalb der jeweiligen Mission müsst ihr entscheiden, wie es weitergeht. Während der Operation in Indien zum Beispiel führt die Auswahl von Route A zu einer wüsten Schießerei mit den schwer bewaffneten, aber leider nicht sonderlich clevern Anhängern eines Schurken.

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Entscheidet ihr euch dagegen für Route B, jagt ihr einem Agenten aus euren eigenen Reihen in typischer Jason-Borne-Manier über die Dächer der Stadt – schwindelerregende Sprung- und Kletterpassagen inklusive. Komfortabel gemacht: Wer einen Level bereits durchgespielt hat und nun noch den jeweils alternativen Handlungsstrang erleben möchte, kann die entsprechende Stelle direkt im Hauptmenü anwählen.

Defector: Verrückte Freispiel-Extras

Ergänzend dazu verfügt jede Mission über eine Fülle optionaler Missionsziele. In Indien etwa füllt sich die Aufgabe-Checkliste, wenn ihr an allen Glückspielaktivitäten teilnehmt, bei einem Händler sämtliche Waren einkauft und ihr den armen Bettler entschädigt. Hakt ihr diese und andere Dinge konsequent ab, belohnt euch Defector mit allerlei Freischalt-Extras, darunter sehenswerte Konzeptgrafiken, frei drehbare 3D-Modelle der verschiedenen Charaktere sowie Songs aus den einzelnen Missionen, die ihr nun nach Lust und Laune über einen Musikplayer abspielen dürft.

Highlight der Freispiel-Extras bleiben gleichwohl mehr als ein Dutzend Cheats, welche das Abenteuer auf unterschiedliche Weise modifizieren. Ist beispielsweise der Cheat “Wilson’s Heart“ aktiv, wird das gesamte Spiel von einem stilvollen Schwarz-Weiß-Filter überlagert. Oder wie wäre es mit Hot Potato? Hierbei zwingt euch Defector, die Waffe möglich schnell nachzuladen. Ignoriert ihr diese Vorgabe, explodiert euch das Schießeisen direkt in den Händen.

Ein klares Daumen hoch gibt’s außerdem für die verschiedenen VR-Komfortfunktionen. Sei es nun das Zuschalten eines Tunnelblicks beim Umschauen, die stufenweise Regulierung der Laufgeschwindigkeit, das optionale Abschalten von seitlichen Ausweichbewegungen oder die schrittweise Anpassung des Drehwinkels – nach einigem Probieren sollte hier jeder ein brauchbares Setup gefunden haben. Warum die Entwickler auf eine Teleportations-Option für die Fortbewegung verzichten, bleibt uns gleichwohl ein Rätsel.

Schicke Optik aber zähe Ladezeiten

Und wie schlägt sich Defector technisch? Sofern ihr über einen einigermaßen potenten VR-Rechner verfügt, dessen Grafik- und VR-Brillentreiber sich auf dem neuesten Stand befinden, sehr gut. Die Umgebungen sind ansprechend designt, die Physikeffekte (vor allem im Flugzeug-Level) können sich sehen lassen, die Explosionen machen einiges her und auch das Tracking tut was es soll, sofern ihr die Kamera immer wieder mal zentriert. Den zähen Ladezeiten vor jeder Mission könnt ihr derweil durch den Einbau einer SSD auf die Sprünge helfen.

Dass vergleichsweise viele Umgebungsobjekte nicht manipulierbar sind, stößt hingegen sauer auf und gibt Abzug in Sachen Immersion. Warum zum Beispiel dürfen wir nicht selbst in den bequemen Stühlen der Hotellobby Platz nehmen? Wieso darf ich nicht in den Zeitschriften blättern, die ich an Bord des Flugzeugs finde? Warum kann ich Lampen im Liberty Island Level nicht ausschießen? Und wieso geht bei einem Kugelhagel in einer Küche nur die Hälfte des Porzellangeschirrs zu Bruch? Fragen über Fragen, die am Ende des Tages vermutlich direkt mit einem begrenzten Budget zusammenhängen.

Unsere Wertung

Sönke Siemens

Mein Fazit:


Die ersten drei Missionen von Defector sind wirklich großartig. Fallschirmsprung aus einem brennenden Flugzeug über der Karibik, Flucht über die Häuserdächer einer indischen Großstadt, Infiltration eines Luxushotels in London mit anschließendem Verhör eines Verdächtigen – hier ließ sich Twisted Pixel wirklich einiges einfallen.

In den beiden letzten Missionen fällt die Qualität des Leveldesigns jedoch etwas ab und der Fokus verlagert sich zunehmend in Richtung einer Schießorgie mit vereinzelten Rätselelementen. Schade zudem, dass weitere Spielmodi (wie wäre es zum Beispiel mit Timeattack-Herausforderungen wie in Blood & Truth) fehlen und Twisted Pixel Games lediglich englische Sprachausgabe sowie englische Bildschirmtexte anbietet.

Sieht man über diese Macken sowie die kaum fordernde Feind-KI hinweg, bleibt unterm Strich trotzdem ein erstaunlich unterhaltsamer, technisch gut umgesetzter Agenten-Thriller, der definitiv Lust auf eine Fortsetzung macht. Die sollte dann allerdings deutlich mehr Level bieten und einen Mehrspieler-Modus beinhalten, der die Langzeitmotivation in die Höhe schraubt.

Ihr werdet Defector mögen, wenn…

  • James Bond eurer Kindsheitsidol ist und ihr alles tut, um ihm nachzueifern
  • ihr schon immer mal mit einer Luxuskarosse aus einem brennenden Flugzeug springen wolltet
  • wenn ihr bereits Blood & Truth für PlayStation VR in einem Rutsch durchgespielt habt

Defector wird euch vermutlich nicht zusagen, wenn…

  • euch in VR-Spielen mit freier Fortbewegung früher oder später schlecht wird
  • ihr eine Durchspielzeit von gerade einmal fünf Stunden als zu kurz erachtet
  • ihr nur VR-Spiele kauft, die auch deutsche Untertitel anbieten

Defector für Oculus Rift und Oculus Rift S ist über den Oculus Store zum Preis von 19,99 Euro als Download erhältlich. Touch Controller werden zwingend vorausgesetzt.

Dieser Test erfolgte auf einer Oculus Rift S.

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Sönke Siemens
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