Das “Woman” ist an Wonder Woman nicht das Wichtigste

Wir brauchen Heldinnen wie Wonder Woman. Nicht nur, weil sie eine Frau ist. Was bei Wonder Woman begeistert, sind nämlich oft genau die Sachen, die mit Brüsten nichts zu tun haben. Obwohl Brüste trotzdem notwendig sind.

  • von Ann-Kathrin Kuhls am 14.06.2017, 16:22 Uhr

Wonder Woman ist die Heldin, die wir gebraucht haben. Und zwar nicht nur, weil sie eine Frau ist. Das sind ja auch andere. Rey aus Star Wars oder Katniss aus Die Tribute von Panem sind ebenfalls starke Frauen. Aber Diana ist nicht nur stark. Sie ist eine Halbgöttin. Eine Ikone. Sie ist unabhängig vom Frausein bewundernswert und ironischerweise genau deswegen die perfekte Wahl, wenn es um weibliche Heldenfiguren geht.

Um zwei Sachen vorweg zu nehmen: Es geht mir hier erstens nur um Superheldenfilme. Nicht um Dramen, Historienfilme, Musicals oder Horror. Zweitens bin ich selber eine Frau. Klar freue ich mich da, wenn eine Frau die Rettung der Welt in die Hand nimmt. Es ist einfach – und das hat mich selbst am meisten überrascht – etwas komplett Anderes, wenn es die Frau ist, die mit den Bösewichten abrechnet. Wonder Woman sehe ich auf der Leinwand und denke »Genau so stelle ich mir Helden vor.«.

Eine unter vielen?

Sicher gibt es im Großen und Ganzen jede Menge Verfilmungen, in denen Heldinnen ganz allein im Spotlight stehen. Zuletzt Katniss Everdeen in Die Tribute von Panem oder Rey aus Star Wars: Das Erwachen der Macht. Katniss und Rey zeichnen sich jedoch dadurch aus, dass sie immer wieder an ihre Grenzen gebracht werden und trotzdem überleben.

Nicht so Wonder Woman. Wer mit Schild und Armreifen gegen einen Geschützturm antritt, wird nicht an ihre Grenzen gebracht. Stattdessen setzt sie anderen Grenzen. Und zwar den Menschen, Göttern und generell allen Bösewichten, die bis dato für unbesiegbar gehalten wurden. Dass sie das nicht können, macht Katniss oder Rey als Heldinnen nicht schwächer oder schlechter.

Aber Diana ist eine Super-Heldin. Eine Halbgöttin, die mit ihrer Stärke, ihrer Moral und ihrer Sicht auf die Welt besser als die »normalen« Menschen sein muss, um sie beschützen zu können. Wenn man die außerirdische Herkunft abzieht, eigentlich genau wie Superman: Larger than life. 

Starke Figuren vor starken Geschlechtern

Aber, und damit komme ich auch auf meinen eigentlichen Punkt: Wonder Woman ist zwar die erste starke Superheldin mit Hauptrolle, aber sie ist in erster Linie eine starke Figur. Weiblichkeit ist zwar ein wichtiger, aber nicht der eine zentrale Aspekt ihres Charakters. Sie wird nicht allein darauf reduziert. Wonder Woman ist nicht nur eine Frau, so wie Superman nicht nur ein Mann ist. Und genau das ist es, was sie so wichtig macht.

Egal ob Brüste oder nicht: Wonder Woman ist charakterlich eine klassische Superheldin, die mit Mut, Moral und (natürlich) Superkräften antritt, um die Welt zu retten. Und das funktioniert auch ohne den Girlpower-Bonus. Der Fakt, dass sie eine Frau ist, spielt im Kampf keine Rolle. Auf Themiskyra sind eh alle weiblich, und auf dem Schlachtfeld geht es ums Überleben und nicht um das Geschlecht. Und das, so widersprüchlich das jetzt nach all der Freude über weibliche Protagonistinnen klingen mag, gefällt mir an ihr.

Und eigentlich würde Wonder Woman auch als Wonder Man funktionieren. (Den gibt es sogar. Allerdings bei Marvel und dort hat er nichts mit Amazonen zu tun.) Klar, es gibt den ein oder anderen Punkt, der so nicht klappt. Wonder Man hätte schon vorher Männer gesehen. Dazu müsste er nur an sich heruntergucken. Aber den Schockmoment, wenn er als trainierter Krieger in die vermeintlich fortschrittlichere Zivilisation Londons kommt, wäre derselbe.

Er würde nicht verstehen, warum er sich auf einmal ein Hemd anziehen müsste, wie man im Gehrock kämpfen soll und warum die englischen Politiker so unheimlich umständlich sind. Er wäre genauso vom Krieg erschreckt wie Diana, weil Themiskyra zu ihrer oder seiner Lebzeit keinen Krieg erlebt hat. Und er müsste genauso entscheiden, ob er die Welt retten will oder nicht. 

Und Brüste sind DOCH wichtig

Natürlich führt der schlichte Mangel an weiblichen Heldenfiguren im Superheldensektor dazu, dass Dianas Geschlecht trotzdem wichtig ist. Weil sie für Abwechslung sorgt und kleine Nuancen mit reinbringt, die nur mit weiblichen Charakteren möglich sind.

Zusammenfassend ist Diana zwar unbestreitbar weiblich, wird in ihrem Film aber nicht nur darauf reduziert. Es wäre so einfach gewesen, sämtliche Witze, Konflikte oder Dialoge auf ihr Frausein auszurichten. Das tun ja auch genug andere Filme. Wonder Woman hält allerdings die Balance.

Klischee-Checkliste

Nichts wäre schlimmer, als wenn Wonder Woman neben dem Krieg auch noch im Alleingang das Frauenwahlrecht durchgedrückt hätte. Sie allein auf sämtliche Aspekte von Frauenrechten und Emanzipation zu beschränken hieße, sie ebenso auf einen Aspekt ihres Charakters zu reduzieren wie sexy Sidekicks, die einfach nur sexy sind.

Übersteigerter Aktivismus ist nämlich genau so klischeehaft, wie sämtliche Mädchenmomente in einem Film abzuhaken. Zum Beispiel eine weibliche Heldin, die zu Beginn eines Films erstmal ein komplettes Make-Over über sich ergehen lassen muss. Gut, Diana muss auch in London erstmal ihre Beine bedecken, aber auf dem Schlachtfeld trägt sie was sie will.

Damit zeigt Wonder Woman, dass, nur weil eine Frau die Superheldin ist, nicht sofort jedes Klischee (positiv wie negativ) eingebaut werden muss. Auch wenn natürlich manche Punkte nicht ignoriert werden können. Aber dadurch, dass Wonder Woman als Heldenfigur in sich funktioniert, repräsentiert sie Frauen besser, als jedes Klischeefeuerwerk es je könnte. 

Wenn euch interessiert, wie der Kinofilm an sich war, lest hier unsere Kinokritik zu Wonder Woman.

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Ann-Kathrin Kuhls
Ann-Kathrin Kuhls

Erstes Spiel: Jazz Jackrabbit Lieblingsgenres: Action-Adventure, (Japan-)Rollenspiele, Strategie Lieblingsspiele/-serien: Final Fantasy, The Last of Us, Alice: Madness Returns, XCOM: Enemy Unknown