Blood & Truth im Test: Filmreif inszeniertes VR-Spektakel

In Blood & Truth für PlayStation VR mischt ihr als Ein-Mann-Armee die Londoner Unterwelt auf. Wie viel Adrenalin dabei freigesetzt wird, verrät unser ausführlicher Test.

  • von Sönke Siemens am 01.07.2019, 15:50 Uhr
Blood and Truth Ryan Marks räumt auf

PlayStation VR-Nutzer der ersten Stunde erinnern sich womöglich noch an The London Heist. Die VR-Erfahrung zählte zu den Höhepunkten der Spielesammlung PlayStation VR Worlds und zeigte im Oktober 2016 erstmals, welch intensive Action mit dem neuen Sony-Headset möglich ist. Angespornt vom positiven Feedback zu The London Heist, entschied sich Entwickler SIE London Studio, das Projekt in den Folgejahren in ein vollwertiges Spiel zu transformieren.

  1. Ryan räumt auf
  2. Narrensicheres Fortbewegungs-System
  3. Im Handumdrehen zum Revolverhelden
  4. Blood & Truth: Abwechslung muss sein
  5. Ein Hingucker jagt den nächsten
  6. Unsere Wertung

Das Ergebnis dieser Bemühungen erschien am 28. Mai 2019, hört auf den Namen Blood & Truth, in dessen Entwicklung uns Sony in London vor Ort ungewöhnlch tiefe Einblicke ermöglichte. Das fertige Spiel entpuppt sich als lineares, aber trotzdem überaus unterhaltsames PSVR-Popcorn-Kino zum Mitspielen. Insbesondere dann, wenn ihr über zwei Move-Controller verfügt.

Ryan räumt auf

Die Geschichte von Blood & Truth ist zwar etwas vorhersehbar, nimmt dafür aber schnell an Fahrt auf. Protagonist Ryan Marks, seines Zeichens ehemaliges Mitglied der berühmten britischen Spezialeinheit SAS, erwacht an einem Holztisch in einer Lagerhalle. Vor ihm liegt seine nicht sonderlich erfreuliche Geheimdienst-Akte.

Ein kahlköpfiger CIA-Agent marschiert in den Raum und belehrt Marks, dass ihm mehrere lebenslängliche Haftstrafen drohen. Die Vorwürfe: Terrorismus, Verrat und Dutzende Morde. Wie all das zusammenhängt, erfahrt ihr kurz darauf in Form von spielbaren Rückblenden.

Die erste Rückblende verschlägt euch in den Mittleren Osten, die zweite bereits in Englands Hauptstadt London. Dabei stellt sich heraus, dass Ryans Familie zu den bekanntesten Gangster-Gruppierungen der Themse-Metropole zählt. Bis vor Kurzem lief das Geschäft noch wie am Schnürchen.

Doch dann stürmt eines Tages ein größenwahnsinniger Geschäftsmann namens Anthony Sharpe die luxuriöse Penthouse-Wohnung der Marks und fordert rotzfrech den CEO-Posten. Die Folge: Eine gebündelte Eskalation der Gewalt, die Ryan schon bald zwingt, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen.

Narrensicheres Fortbewegungs-System

Spielmechanisch resultiert all das in 19 schweißtreibenden Story-Missionen mit einer Gesamtspielzeit von etwa fünf und sechs Stunden. Wichtig in diesem Zusammenhang: Blood & Truth legt großen Wert darauf, eine möglichst breite Zielgruppe anzusprechen und die Dinge nicht unnötig zu verkomplizieren. Entsprechend wundert es auch nicht, dass die Entwickler es nicht gestatten, die einzelnen Level frei zu erkunden.

Vielmehr setzt man auf ein ganz ähnliches Fortbewegungs-System wie im ebenfalls für PlayStation VR erhältlichen VR-Shooter Bravo Team. Will heißen: Auf der Route durch die einzelnen Level befinden sich vorgegebene Markierungspunkte. Das können Deckungen oder Türen sein, aber auch Fenstervorsprünge, Treppenaufgänge, Mülltonnen usw. Um nun durch das Level zu navigieren, müsst ihr einfach die nächstbeste Markierung mit einem kurzen Blick anvisieren, dann die Daumentaste auf dem Move-Controller drücken und schon macht sich Ryan auf den Weg dorthin.

Besonders narrensicher wird das System durch die Tatsache, dass man sich immer nur vorwärts oder seitwärts bewegt. Zurücklaufen ist nicht möglich, wodurch es nahezu unmöglich wird, die Orientierung zu verlieren. Nachteil: Wer einen Sammelgegenstand in einem vorherigen Abschnitt übersehen hat, muss den kompletten Level von vorn beginnen, um wieder an diese Stelle zu gelangen.

Im Handumdrehen zum Revolverhelden

Noch intuitiver als die Fortbewegung funktioniert die Interaktion mit den toll modellierten Bleispritzen. Ein Griff in Richtung Schulter genügt, schon hat Ryan die am Rücken festgeschnallte Waffe in den Händen. Bewegt ihr euren rechten Arm dagegen in Richtung Halfter im Hüftbereich, wechselt Ryan zur Pistole. Um nachzuladen, führt ihr die noch freie Hand zum Brustkorb, greift ein neues Magazin und schiebt es in den Munitionsschacht der Waffe. Mehr Style gefällig? Dann einfach das Magazin in die Luft werfen und mit der um 180 Grad gedrehten Waffe auffangen. Braucht etwas Übung, fühlt sich in VR aber unglaublich gut an!

Gleiches gilt für den Umgang mit Granaten. Denn um die scharf zu machen, müsst ihr zunächst den Sicherheitsring herausziehen – wahlweise mit der noch freien Hand oder stilecht mit den Zähnen. Letztgenanntes Manöver klappt, indem ihr die gesicherte Granaten einfach kurz zum Mund führt. Das Genre-typische „Kochen“ einer Granate ist natürlich ebenso möglich wie das „um die Ecke werfen“, indem man den Sprengkörper vorher im richtigen Winkel gegen eine angrenzende Wand schleudert.

Wer schnell ist, kann anfliegende Granaten sogar in der Luft auffangen und wieder zurück zum Absender befördern. Geniale Idee: Haltet ihr dabei die Dreieck-Taste auf dem Move-Controller gedrückt, quittiert Ryan das Manöver mit einer von mehreren Handgesten. Gameplay-technisch hat dies übrigens keine Auswirkungen. Unterm Strich zeigt es jedoch einmal mehr, wie viel Liebe zu kleinen Details in Blood & Truth steckt – was dann wiederum die Immersion spürbar verstärkt.

Eine weitere Stärke des Kampfsystems ist der Präzisionsmodus. Hierzu einfach die Move-Tasten der Move-Controller gleichzeitig gedrückt halten, schon wird die Action in Zeitlupe dargestellt und ihr habt etwas mehr Zeit für Präzisionstreffer. Handelt es sich hierbei um Kopfschüsse, verlängert sich die Slow-Motion-Phase sogar um einige Sekunden. Tipp: Viele freispielbare Trophäen lassen sich nur im Präzisionsmodus erzielen, weshalb es sich auf jeden Fall lohnt, hiermit zu experimentieren.

Blood & Truth: Abwechslung muss sein

Streng genommen ist Blood & Truth ein klassischer Rail-Shooter. Gleichwohl gelingt es den Machern sehr gut, die Action immer wieder mit netten Geschicklichkeitspassagen anzureichern und so für Spannungsbögen zu sorgen. Im Casino-Level zum Beispiel gilt es, einen Mafia-Boss mit verschiedenen Überwachungskameras im Auge zu behalten. Im Kunstgalerie-Level verunstaltet ihr das Wandgemälde des Bösewichts mit einer Farbkanone, im Hochhaus-Level kraxelt ihr mutig Baugerüste empor und auf dem Dach eines Logistik-Zentrums manipuliert ihr eine riesige Satellitenschüssel, um den Funkverkehr eurer Widersacher zu stören.

Immer wieder knackt ihr zudem Türen mit einem Dietrich, überbrückt Sicherheitssysteme oder macht fernzündbare Sprengsätze scharf. Einziger Wermutstropfen: Nicht alle dieser Passagen wirken zu Ende gedacht. Bestes Beispiel hierfür ist der Auftakt von Kapitel 13. Ryan erhält Zugriff auf eine fernsteuerbare Drohne und soll damit die Wachen im Eingangsbereich einer Baustelle ausspionieren.

Was vielversprechend klingt, ist jedoch nach nicht einmal zwei Minuten schon wieder vorbei. Schlimmer noch: Statt den Spieler in dieser Sequenz mit unterschiedlichen Gameplay-Mechaniken herauszufordern, muss er die Drohne lediglich durch Bestätigen der Aktionstaste von einer Markierung zur nächsten lotsen. Herausforderung sieht anders aus!

Ein Hingucker jagt den nächsten

Ein (Rail-)Shooter läuft immer dann zu Hochform auf, wenn auch die Präsentation stimmt. Erfreulicherweise gibt Blood & Truth in diesem Punkt ordentlich Gas und überzeugt mit gelungenem Motion Capturing, famosen Zwischensequenzen, hoher Weitsicht, scharfen Texturen, kurzen Ladezeiten und einigen wirklich grandiosen Effekten. In der Mitte des Spiels zum Beispiel dringen Ryan und sein Bruder in eine Kunstgalerie des Antagonisten ein und bringen kurz darauf mehr als ein halbes Dutzend neonfarbener Lichtsäulen zum Einsturz. Ein Heidenspaß!

Und mindestens genauso spektakulär anzusehen, wie das gleichzeitige Zersplatzen-Lassen von Hunderten Glühbirnen einige Räume weiter. Kritik? Gebührt in erster Linie der Tatsache, dass selbst bei minutenlangen Feuergefechten kaum Umgebungsobjekte kaputtgehen.

Sollte in keiner gut sortierten PS-VR-Sammlung fehlen
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Akustisch betrachtet lässt Sony London Studios ebenfalls kaum etwas anbrennen und begeistert mit einem perfekt auf das Geschehen abgestimmten Orchester-Soundtrack, wuchtigen Waffensounds, immer neuen Umgebungsgeräuschen und einer ganze Riege hochmotivierter Synchron-Sprechern. Stichwort Sprecher: Wer gut Englisch kann, sollte Blood & Truth unbedingt im Originalton genießen, zumal nur hier die verschiedenen britischen Akzente der Akteure so richtig zur Geltung kommt. Doch auch die deutschen Sprecher sind erstklassig gewählt und erledigen ihren Job mit jeder Menge Herzblut.

Abschließend noch ein paar Worte zum Thema Motion Sickness. Dieser wirken die Macher mit einigen bewährten Tricks effektiv entgegen. Einer davon ist die automatische Verlangsamung der Action in Sprungsequenzen. Schaltet ihr zudem den sogenannten Komfort-Modus zu, verkleinert das Spiel das Sichtfeld bei Kopfbewegungen mit Hilfe von schwarzen Rändern. Plus: Die Bildrate ist zu jeder Zeit butterweich, was Spielern mit schwachem Magen ebenfalls sehr entgegen kommt.

Unsere Wertung

Sönke Siemens

Mein Fazit:

Werde zum Actionhelden! Dieser Werbeslogan von Sony mag abgedroschen klingen, trifft den Nagel aber direkt auf den Kopf. Seien es nun waghalsige Verfolgungsjagden kreuz und quer durch London, schweißtreibende Schusswechsel in einem gigantischen Flugzeughangar oder der schwindelerregende Absprung von einem Baukran samt anschließendem Gleitschirm-Flug über die Themse – Blood & Truth ist Hollywood-Action pur. Aber auch pechschwarzer britischer Humor, nette Geschicklichkeitspassagen und einige ruhige Momente kommen hier nicht zu kurz.

Schade nur, dass die Künstliche Intelligenz kaum herausfordert und die nett inszenierte, aber insgesamt etwas zu vorhersehbare Geschichte nach gerade einmal fünf bis sechs Stunden schon wieder vorbei ist. Als Langzeit-Motivatoren bleiben dann lediglich die Jagd nach Trophäen, der kompakte Challenge-Modus sowie ein weiterer Spieldurchlauf auf höheren Schwierigkeitsgraden.

Kritik gibt’s darüber hinaus für das suboptimale Tracking bei der Verwendung von zweihändig geführten Waffen. Trotzdem: Unterm Strich ist Blood & Truth eine klare Empfehlung für PlayStation VR-Fans und alle, die es werden wollen. Ach ja: Eine Fortsetzung ist schon so gut wie sicher und wird auf der letzten Seite des digitalen Artbooks unter dem Motto „Ryan Marks will return!“ bereits bestätigt.

Ihr werdet Blood & Truth lieben, wenn ihr…

Blood & Truth ist eher nichts für euch, wenn ihr…

  • spielmechanisch anspruchsvolle Shooter-Action und herausfordernde KI-Gegner gehofft hattet
  • in einem Shooter großen Wert darauf legt, die Umgebung in Schutt und Asche zu legen
  • höchste Präzision im Umgang mit zweihändig geführten Waffen wünscht

Blood & Truth für PlayStation VR bekommt ihr bei MediaMarkt oder als Download im PlayStation Store.

Getestet auf: PlayStation VR mit einer PlayStation PS4 Pro

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Sönke Siemens
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