Wie viel Realität steckt im Horrorspiel Kholat?

Das Horrorspiel Kholat hat einen ungewöhnlichen Ansatz: Es basiert auf einer wahren Begebenheit. Genauer gesagt auf dem Unglück am Djatlow-Pass im Jahr 1959. Aber wie viel Realität steckt wirklich im Spiel?

  • von Patricia Geiger am 22.07.2016, 11:24 Uhr

Das Horrorspiel Kholat erschien bereits 2015 für den PC , dieses Jahr folgte die Konsolenfassung für die PlayStation 4. Und obwohl das Spiel nur gemischte Kritiken bekommen hat, lohnt sich ein Blick darauf dennoch. Der Grund: Das Spiel greift ein reales Unglück auf. Aus Horrorfilmen kennt man dieses Prinzip durchaus. Hier heißt es dann, der Film basiere auf einer wahren Begebenheit. Aktuelle Vertreter dieser Gattung sind unter anderem die Conjuring-Filme, die auf den Fällen des realen Dämonologen-Paares Warren basieren.

In Spielen kommt es allerdings eher selten vor, dass Entwickler sich eine reale Begebenheit für die Grundlage ihrer Werke suchen. Das Anti-Kriegsspiel This War of Mine beschäftigt sich mit der Belagerung von Sarajevo während des Bosnienkriegs, doch hier geht es ums Überleben in der Belagerung, nicht um das Schicksal real existierender Personen. Dieses Prinzip findet auch im Adventure Valiant Hearts: The Great War Anwendung. Das zeigt die Grauen des Ersten Weltkriegs anhand einiger Symbolfiguren, die für die wirklichen Kriegsteilnehmer stehen.

Im Gegensatz dazu nimmt Kholat Bezug auf eine ganz konkrete Begebenheit: Das Unglück am Djatlow-Pass.

Historische Fakten:
Unglück am Djatlow-Pass

Das Unglück am Djatlow-Pass bezeichnet den Tod von neun Ski-Wanderern im Februar 1959. In Swerdlowsk, heute Jekaterinburg, tat sich eine Gruppe von acht Männern und zwei Frauen zusammen, um eine Skitour durch den nördlichen Ural zu unternehmen. Die meisten Teilnehmer der Expedition waren Studenten oder Absolventen des Polytechnischen Instituts des Ural, heute Staatliche Technische Universität des Uralgebiets.

Teilnehmer der Expedition:

Igor Djatlow (* 13. Januar 1936)
Sinaida Kolmogorowa (* 12. Januar 1937)
Ljudmila Dubinina (* 12. Mai 1938)
Alexander Kolewatow (* 16. November 1934)
Rustem Slobodin (* 11. Januar 1936)
Juri Kriwonischtschenko (* 7. Februar 1935)
Juri Doroschenko (* 29. Januar 1938)
Nikolai Thibeaux-Brignolle (* 5. Juni 1935)
Semen Solotarew (* 2. Februar 1921)
Juri Judin (19. Juli 1937 – 27. April 2013)

Igor Djatlow führte die Gruppe an, nach ihm wurde später der Gebirgspass benannt, auf dem sich das Unglück ereignet hat. Juri Judin erkrankte zu Beginn der Expedition und kehrte um, weshalb er als einziges Mitglied der Gruppe überlebte.

Ziel der Ski-Wanderer war der Berg Otorten, der knapp 14 Kilometer nördlich des Unglücksorts liegt. Durch Tagebücher und Fotos lässt sich der Weg der Expedition bis zum Unglück rekonstruieren. Am 31. Januar 1959 hatten die neun Wanderer die Grenze zum Hochland erreicht und sich auf den Aufstieg vorbereitet. Sie bauten in einem bewaldeten Tal einen Speicher für Lebensmittel und Ausrüstung, die für den Rückweg gedacht waren, und begannen am 1. Februar die Passüberquerung. Dabei verloren sie durch schlechte Wetterbedingungen jedoch die Richtung und kamen westlich vom Weg ab, in Richtung des Berges Cholat Sjachl. Dessen Name bedeutet in der mansischen Sprache »Berg der Toten«. Nachdem sie ihren Fehler bemerkt hatten, schlugen die Wanderer am Hang des Berges ihr Lager auf.

Nachdem die Gruppe sich nicht wie vereinbart am 12. Februar per Telegramm bei ihrem Sportverein gemeldet hatte, wurde zunächst noch nichts unternommen. Erst am 20. Februar machte sich ein Suchtrupp aus Studenten und Lehrern des Polytechnischen Instituts auf den Weg, später halfen noch die Armee und Miliz mit Flugzeugen und Hubschraubern.

Das verlassene Lager am Cholat Sjachl entdeckten die Suchtrupps am 26. Februar, Fußspuren im Schnee führten zur Grenze eines nahegelegenen Waldes. Am Waldrand unter einer Kiefer befanden sich die Überreste eines Feuers und die Leichen von Kriwonischtschenko und Doroschenko, die beide nur ihre Unterwäsche trugen. Zwischen der Kiefer und dem zerstörten Lager wurden auch die Leichen von Djatlow, Kolmogorowa und Slobodin gefunden, im Abstand von 300, 480 und 630 Metern von der Kiefer. Es wurde angenommen, dass sie unterwegs zurück zum Lager gewesen waren. Die Leichen von Dubinina, Kolewatow, Thibeaux-Brignolle und Solotarew fand man erst am 4. Mai 1959 in einer Schlucht tiefer im Wald.

Bei den ersten fünf Leichen ergab die Obduktion, dass die Wanderer an Unterkühlung gestorben waren. Im Gegensatz dazu wiesen drei der vier im Mai gefundenen Toten schwere Verletzungen auf. Thibeaux-Brignolle hatte schwere Schädelfrakturen, bei Dubinina und Solotarew wurden Rippenbrüche festgestellt. Die dafür nötige Kraft verglich ein Experte mit der eines Autounfalls. Dubinina fehlten außerdem Teile ihres Gesichtsschädels: Sie lag unter einer Eisdecke mit dem Gesicht in einem Fluss. Ansonsten wiesen die Leichen keine äußerlichen Verletzungen auf. Kurz nach dem Fund der letzten vier Leichen wurde die Untersuchung bereits im Mai 1959 offiziell eingestellt mit dem Ergebnis, dass die Wanderer durch eine »Elementargewalt« ums Leben kamen. Die Akten verschwanden dann allerdings in einem Geheimarchiv und tauchten erst in den 1990er-Jahren wieder auf, allerdings unvollständig.

Fakten aus den Untersuchungsakten

  • Sechs Wanderer starben an Unterkühlung, drei an tödlichen Verletzungen
  • Verletzungen konnten nicht von Menschenhand herbeigeführt worden sein
  • Keine Hinweise auf weitere Personen in der Nähe der Wanderer
  • Das Zelt wurde von innen aufgeschlitzt
  • Die Wanderer starben sechs bis acht Stunden nach ihrer letzten Mahlzeit
  • Alle Personen verließen eigenständig das Lager zu Fuß
  • Kleidung von zwei Opfern wiesen hohe Dosen radioaktiver Strahlung auf

Theorien

Bis zum heutigen Tag ist nicht klar, was sich wirklich am Djatow-Pass zugetragen hat. Es gibt jedoch eine Hand voll Theorien, die sich bis heute halten.

Angriff der Mansen: Zunächst wurde angenommen, dass Angehörige des Volkes der Mansen die Gruppe angegriffen hatte, weil die Expedition in ihr Gebiet eingedrungen waren. Anhand der Verletzungen wurde diese Theorie allerdings schnell wieder verworfen.

Militärische Waffentests/Kernwaffentests: Die wahrscheinlichste Theorie ist, dass die Gruppe einem Kernwaffentest zum Opfer gefallen ist. Dafür spricht, dass einige der Opfer eine tief gebräunte Haut sowie graue Haare hatten. Auch die Knochenbrüche würden in diese Theorie passen: Eine Druckwelle kann Knochen brechen, ohne dabei das Gewebe zu verletzen. Auch die leuchtenden Sphären, die von anderen Wanderern 50 Kilometer südlich gesichtet wurden, passen zu der Theorie: Die Kugeln wurden zwischen Februar und März 1959 von diversen Stellen beobachtet und entpuppten sich als Schweife von R-7-Interkontinentalraketen.

Geheimdienst: Hier gibt es gleich zwei Thesen: Die erste schließt sich an die Waffentests an und besagt, dass die Wanderer einer geheimen Forschungseinrichtung zu nahe gekommen waren und entsprechend aus dem Verkehr gezogen wurden. Theorie Nummer 2 hingegen besagt, dass Solotarew, Kolewatow und Kriwonischtschenko KGB-Agenten waren, die eine Zelle von CIA-Agenten ausheben sollten. Dabei sollten sie radioaktive Proben sowie Fotos der Amerikaner sammeln, wurden jedoch entdeckt und die ganze Expedition getötet. Nachdem das Unglück am Djatlow-Pass sich zur Zeit des Kalten Kriegs ereignet hat, ist die Theorie zumindest nicht komplett von der Hand zu weisen.

Lawine: Eine weitere, weniger plausible These baut darauf auf, dass die Wanderer vor einer Lawine geflüchtet sind, weshalb sie das Zelt von innen zerschnitten. Allerdings spricht dagegen, dass keine übermäßigen zusätzlichen Schneemengen das Gebiet bedeckt hatten.
Die letzte und mit Abstand unwahrscheinlichste Theorie: Aliens.

Umfassende Informationen zu dem Unglück gibt es auf einer eigenen englischsprachigen Webseite. Hier gibt es die Originalfotos, die von der Reisegruppe geschossen wurden, sowie weitere Theorien, was mit den Wanderern passiert ist. Vorsicht: Es gibt auch die Fotos der Leichen aus den Ermittlungsakten, die allesamt nichts für zarte Gemüter sind.

Das Spiel Kholat

Zu Beginn von Kholat bekommen wir einen kurzen Überblick über das Unglück, bevor wir die Rolle einer namen- und körperlosen Figur übernehmen. Von einer verlassenen Siedlung aus machen wir uns dann auf den Weg in die Wildnis. Bei der Siedlung handelt es sich um Iwdel, den Ort, an den die Gruppe mit dem Zug gefahren ist, bevor man weiter mit dem LKW zur Expedition aufbrach. Hier gibt es auch eine Hütte, die genauso aussieht wie eine Hütte auf einigen Fotos der Reisegruppe von 1959.

Nachdem wir dann mit der Vermutung losmarschieren, nach Hinweisen für den Tod der neun jungen Leute zu suchen, stellen wir bald fest: Das ist nur die halbe Miete, denn zusätzlich erzählt das Spiel eine eigene, ziemlich verworrene Geschichte. Der Erzähler, von dem man selbst am Ende noch nicht so genau weiß, wer er nun tatsächlich ist, vermittelt den Eindruck, eine übernatürliche Macht zu sein, die uns zu sich locken möchte. Vertont wird diese Omnipräsenz übrigens von Sean Bean (Game of Thrones, Der Herr der Ringe).

Unterwegs sammeln wir dann Tagebuchseiten ein, die zumindest teilweise mit dem Unglück zusammenhängen, stolpern jedoch gleichzeitig über Knochenaltäre und andere unangenehme Orte, die unterschwellig noch die Geschichte eben jeder übernatürlichen Präsenz erzählen.

Als wären Dunkelheit, ein Schneesturm und Knochenaltäre noch nicht atmosphärisch genug, wirft uns Kholat als Gegenspieler rotorange glühende Entitäten entgegen, gegen die unsere Spielfigur wehrlos ist. Ein Schlag der glühenden Kreatur und wir sind tot. In einem freundlicheren orangefarbenen Ton leuchten Gestalten, die wir immer dann sehen, wenn wir eine neue Tagebuchseite eingesammelt haben. Sie weisen uns dann für einige Momente den Weg und sind aller Wahrscheinlichkeit nach die Opfer der dämonischen Präsenz – eine richtige Erklärung bleibt Kholat auch in diesem Punkt schuldig.

Die einzige der Theorien zum Unglück am Djatlow-Pass, die es zumindest ansatzweise ins Spiel geschafft hat, ist übrigens die Geheimdienst-These. Aus Waffentests oder Konterspionage wurde allerdings etwas ganz Anderes: Im Verlauf des Spiels kommen wir zu einer zerstörten Bunkeranlage, in der wir Hinweise auf Testreihen an Menschen finden. Die führten vermutlich zu den gefährlich leuchtenden Gestalten – eine konkrete Erklärung gibt es auch hier nicht.

Ein weiteres Mysterium von Kholat bleiben die Knochenaltäre und Schreine, die im ganzen Gebiet verteilt sind, sowie seltsame Runenzeichen, die wir ebenfalls überall finden. Das Gebiet ist dabei frei begehbar, es gibt keine Ladezeiten zwischen einzelnen Level-Abschnitten, sobald wir Iwdel verlassen haben und im eigentlichen Spiel angekommen sind.

Je weiter wir im Spiel vorankommen, umso verworrener erscheint die Geschichte – und wir bekommen langsam den Eindruck, dass der Erzähler und unsere noch immer namenlose Figur ein und dieselbe Person sind, die Voice-Over-Einspieler eine Art Rückblick auf die eigene Entwicklung. Als wir dann am Ende des Spiels ankommen, ist die Verwirrung allerdings allumfassend. Schließlich sind wir das komplette Spiel über davon ausgegangen, dass wir in dem Gebiet nach Hinweisen auf den Tod der Djatlow-Gruppe suchen. Bevor die Credits über den Bildschirm laufen, bewegen wir uns allerdings auf ein vollkommen intaktes Zelt zu, in dem Licht brennt. Was das alles zu bedeuten hat, wissen wohl leider nur die Entwickler.

Patricia Geiger
Patricia Geiger

Mit der ersten PlayStation ist Patricia den Videospielen verfallen und seitdem nicht mehr davon losgekommen, wobei ihr Herz nach wie vor den Konsolen gehört. Eigentlich dreht sich alles um Rollenspiele, Ego-Shooter und Action-Adventures, ab und an wagt sie sich aber auch an Rundenstrategie oder Jump'n'Runs.