Vorschau zu Torment: Tides of Numenera – Ein Spiel wie ein guter Roman

Rollenspiele wie anno dazumal erleben seit einigen Jahren ihren zweiten Frühling. Mit Torment: Tides of Numenera kommt in gut einem Monat der geistige Nachfolger zu Planescape: Torment auf den Markt.

  • von Patricia Geiger am 23.01.2017, 14:12 Uhr

Moderne Rollenspiele glänzen oft mit bombastischen Schlachten oder bis in die kleinste Pore detaillierte Charaktermodelle. Beide Punkte sind in Torment: Tides of Numenera zwar Fehlanzeige, aber trotzdem schickt sich das Oldschool-Rollenspiel an, auch Fans modernerer Kost von sich zu überzeugen. Wir konnten den Titel abseits von der Beta bereits einige Stunden spielen und klären in der Vorschau, was euch im spannenden Mix aus Fantasy und Science Fiction erwartet.

Gott oder nicht, das ist hier die Frage

Bis wir tatsächlich etwas von der Spielgrafik von Torment: Tides of Numenera sehen, dauert es eine Weile. Denn zuerst bekommen wir nur einen schwarzen Bildschirm präsentiert und fallen – und das ziemlich tief. Während des Falls wird uns schon klar, dass wir keine Ahnung haben, wer wir eigentlich sind oder wie wir in unsere nicht gerade besonders rosige Situation kamen. Wir versuchen, unseren freien Fall zu steuern, so wirklich gelingt uns das allerdings nicht.

Unsanft auf dem Boden der Tatsachen angekommen, erfahren wir, dass wir uns zig Kilometer im freien Fall befanden und das eigentlich gar nicht hätten überleben dürfen. Das hören wir von Callistege und Aligern, die im Spiel zu unseren ersten Begleitern werden und sich nicht gerade besonders gut leiden können. Sie erklären uns auch, dass wir kein normaler Mensch, sondern der »Last Castoff« sind – die letzte Hülle, die der »wandelnde Gott« abgestoßen hat. Das macht uns laut unseren Begleitern selbst zu einem übernatürlichen, gott-ähnlichen Wesen.

Ob wir das jedoch glauben wollen oder nicht, bleibt uns überlassen. Callistege und Aligern wissen allerdings Rat, wie wir zumindest unsere Erinnerungen zurückbekommen können. Doch je nachdem, wessen Vorschlag wir folgen, bekommen wir mit dem anderen Begleiter Probleme. Und als hätten wir mit der Amnesie und dem Status als Halbgott noch nicht genug zu tun, werden wir noch von »The Sorrow« gejagt, einem mächtigen Wesen, das über keine richtige Gestalt zu verfügen scheint.

Doch wir bekommen es nicht nur mit vermeintlichen Göttern oder religiösen Gruppierungen zu tun. Torment: Tides of Numenera spielt eine Milliarde Jahre in der Zukunft, also in einer Welt, die Aufstieg und Fall etlicher Zivilisationen erlebt hat und Fantasy mit Science Fiction mischt. 

Kein Charakter vom Reißbrett

Unser im wahrsten Sinne des Wortes vom Himmel gefallener Last Castoff ist weder vom Spiel vorgegeben noch vor dem Spielstart von uns zusammengestellt. Stattdessen erarbeiten wir uns den Charakter in der ersten Stunde des Spiels, lange vor dem Treffen mit Callistege und Aligern. In einem Raum mit Erinnerungsphären können wir selbst bestimmen, wie unser Charakter in der Vergangenheit agiert hat. Selbst die erste Entscheidung des Spiels – bewegen wir eine große Schale oder lassen wir sie stehen? – hat weitreichende Auswirkungen später im Spiel, wie uns die Entwickler beim Anspiel-Event erklärt haben.

Am Ende des Raumes wartet dann ein Spiegel voller Doppelgänger. Hier wählen wir genau genommen unsere Spielklasse über besondere Merkmale aus: Wollen wir in Gesprächen besonders gewandt sein und die Leute um den Finger wickeln oder lieber als Leisetreter unauffällig in der Menge verschwinden?

Gezeiten-Gesinnung

Wer unser Charakter am Ende des Tages wirklich ist, wird vor allem durch unsere Entscheidungen bestimmt, wie es sich für ein gutes Rollenspiel gehört. Unsere Gesinnung wird in Torment: Tides of Numenera durch die Tides, also Gezeiten, reflektiert. Hier gibt es insgesamt fünf unterschiedliche Strömungen, die sich unseren Entscheidungen entsprechend erhöhen. Die blaue Gezeit entspricht Wissen, indigo eher dem Sinn für das Gemeinwohl. Dabei wird bei unseren Entscheidungen jedoch nicht zwischen Gut und Böse unterschieden – beide Varianten werden den fünf Gezeiten zugeordnet.

Das Spiel passt sich dabei unserer Gesinnung an: Abhängig davon, wie wir selbst eingestellt sind, treten andere Charaktere uns gegenüber auf, um sich unsere Hilfe zu sichern oder uns zumindest auf ihre Seite zu ziehen. Das ist eine spannende Prämisse, denn mit diesem Wissen im Hinterkopf wird jede Entscheidung doppelt schwer – schließlich wissen wir nie so richtig, wie stark wir vom Spiel gerade in die eine oder andere Richtung manipuliert werden.

Viel Lesestoff

Das alles passiert jedoch nicht in auf Hochglanz polierten Zwischensequenzen, sondern wie es sich für ein Rollenspiel der alten Garde gehört in zahlreichen Textfenstern. Für lesefaule Spieler ist Torment: Tides of Numenera also definitiv nichts. Abseits der Kämpfe spielt sich die Handlung des Spiels und somit auch unsere Entscheidungen in diesen Textfenstern ab, von denen nur ein Bruchteil vertont ist.

Wem es jedoch nichts ausmacht, jede Menge Texte zu verschlingen, der wird mit dem geistigen Nachfolger zu Planescape: Torment jede Menge Spaß haben. Dabei hilft es natürlich auch, dass die Dialoge durch unsere teils sarkastischen Weggefährten aufgelockert werden.  Doch auch abseits der Dialoge sind die Texte des Rollenspiels extrem lesenswert und lassen uns an mancher Stelle für einen Moment sogar fast vergessen, dass wir ein Spiel und keinen guten Roman vor uns haben. Angenehm ist aber die Darstellung der Texte: Auch in der Konsolenversion sind sie groß genug, dass wir auch entspannt vom Sofa aus alles lesen können, ohne uns ein Opernglas zu wünschen – ein Problem, mit dem zu Anfang selbst die AAA-Produktion The Witcher 3: Wild Hunt zu kämpfen hatte.

Kämpfe sind (fast immer) optional

Durch die ausgefeilten Möglichkeiten, den eigenen Charakter zu entwickeln, lassen sich fast alle Kämpfe durch eine geschickte Antwortauswahl vermeiden. in knapp drei Stunden Spielzeit mussten wir nur einmal zur Waffe greifen, und das war für den unvermeidbaren Tutorialkampf.

Wenn es aber doch mal kracht, bekommen wir es mit dem rundenbasierten Kampfsystem von Torment: Tides of Numenera zu tun. Pro Zug haben wir, ganz wie bei den guten alten Pen-and-Paper-Rollenspielen, zwei Aktionen: Bewegung und Angriff. Sind wir zu weit von unserem Ziel entfernt, können wir uns auf Kosten des Angriffs aber auch weiter bewegen. Neben den Waffen stehen uns auch noch diverse Fähigkeiten zur Verfügung, die sich danach richten, für welchen Charaktertypen wir uns entschieden haben. Der Nano-Charakter, mit dem wir unterwegs waren, verfügt beispielsweise über magische Fähigkeiten, der Glaive hingegen ist ein Elitekämpfer.

Insgesamt bleiben die Kämpfe allerdings relativ blass – es ist klar, dass der Schwerpunkt des Rollenspiels nicht auf epischen Schlachten, sondern auf der Geschichte und den Dialogen liegt. Da die Texte aber wie bereits erwähnt dazu verleiten, die Welt um sich herum zu vergessen, können wir dem Spiel daraus nicht wirklich einen Strick drehen. Wie wichtig Worte sind, lässt sich auch daran festmachen, dass wir selbst während Kämpfen versuchen können, Gegner zur Besinnung zu bringen.

Fazit

Wer Rollenspiele mag, kommt in diesem Frühjahr an Torment: Tides of Numenera nicht vorbei. Durch die Präsentation im Oldschool-Stil, ohne großes Effekt-Gewitter und dafür mit umso mehr textlichem Tiefgang hebt sich der Titel auf jeden Fall von modernen Genre-Genossen ab. Dabei ist es nicht nur die Geschichte des Last Castoff, die mich beim Vorschau-Event so fasziniert hat, sondern die komplette Welt, die durch den Mix aus Science Fiction und Fantasy von skurriler Wesen und schrulligen Charakteren nur so wimmelt. Dass das Spiel versucht, mich als Spieler mit meiner eigenen Einstellung zu ködern und zu manipulieren, ist für sich genommen schon fast ein Grund, weshalb man den geistigen Nachfolger zu Planescape: Torment gespielt haben sollte. Selten bekommt man in einem Rollenspiel auf diese Art so den Spiegel vorgehalten. Allerdings ist Torment: Tides of Numenera definitiv nichts für Spieler, die sich nicht selbst durch Texteinblendungen wühlen möchten. Wen das aber nicht stört, der wird jede Menge Spaß damit haben, in der Welt jegliches Zeitgefühl zu verlieren.

Patricia Geiger
Patricia Geiger

Mit der ersten PlayStation ist Patricia den Videospielen verfallen und seitdem nicht mehr davon losgekommen, wobei ihr Herz nach wie vor den Konsolen gehört. Eigentlich dreht sich alles um Rollenspiele, Ego-Shooter und Action-Adventures, ab und an wagt sie sich aber auch an Rundenstrategie oder Jump'n'Runs.