Uncharted: The Lost Legacy – Ist Uncharted ohne Nathan Drake besser?

Der PS4-Exklusivtitel Uncharted: The Lost Legacy bringt mit einer zur Hauptfigur beförderten alten Bekannten und riesigen Open-World-Leveln frischen Wind in die Uncharted-Serie. Auf einem Preview-Event in Berlin konnten wir uns einen ersten Eindruck von den Neuerungen der Standalone-Erweiterung zu Uncharted 4: A Thief’s End verschaffen.

  • von Sebastian Weber am 25.07.2017, 13:50 Uhr

Mit Uncharted: The Lost Legacy wagt Naughty Dog eine Neuausrichtung der langjährigen Action-Adventure-Serie. In Uncharted 4 motivierte der Piratenschatz von Captain Henry Avery Nathan Drake noch zu einer Reise rund um den Globus. The Lost Legacy setzt dagegen auf einen einzigen Handlungsort.

In den Westghats, einem Gebirgszug im Westen Indiens, begeben sich die Schatzsucherin Chloe Frazer und die Söldnerin Nadine Ross mitten in einem Bürgerkrieg auf die Suche nach dem Stoßzahn des Ganesh. Da der skrupellose Rebellenführer Asav dieses sagenumwobene indische Artefakt für sich beansprucht, kommt es während der Schatzsuche immer wieder zu intensiven Auseinandersetzungen mit dessen Truppen.

Während der über 10 Stunden langen Einzelspieler-Kampagne erfahrt ihr nicht nur einiges über den Hinduismus und seine Mythologie, sondern auch über die Hauptcharaktere, denen in The Lost Legacy durch die dichtere Handlung mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden kann als in früheren Teilen. Mehr Details zur Geschichte verrät euch der kürzlich veröffentlichte Story-Trailer:

Das erste Uncharted ohne Nathan Drake

Bei der Enthüllung auf der Playstation Experience im vergangenen Dezember überraschte die Standalone-Erweiterung vor allem mit seiner Protagonistin. In The Lost Legacy spielt zum ersten Mal nicht Serienheld Nathan Drake die Hauptrolle. Dessen Geschichte fand in Uncharted 4 ein befriedigendes Ende, weshalb Naughty Dog einen neuen Protagonisten wählen musste. Creative Director Shaun Escayg hat uns im Interview verraten, dass dafür mehrere bekannte Seriencharaktere in Frage kamen, darunter auch Fan-Favoriten wie Victor Sullivan und Charlie Cutter.

Letztlich entschieden sich die Macher aber für die australische Schatzjägerin Chloe Frazer, die Nathan Drake in Sachen Scharfsinn, Improvisationstalent und archäologischem Wissen in nichts nachsteht und Langzeit-Fans noch aus Uncharted 2 und 3 bekannt sein dürfte. Auf der Suche nach dem sagenumwobenen Stoßzahn des Ganesh muss sie ihre Fähigkeiten und ihr Wissen nun unter Beweis stellen, wie Shaun Escayg erklärt:

»Bisher haben wir nur an der Oberfläche von Chloes Geschichte gekratzt. Da sie eine persönliche Verbindung zum Stoßzahn des Ganesh hat und jetzt ihr eigenes Abenteuer bestreitet, stellt sich natürlich die Frage, ob sie es überleben kann? Kann sie eine Heldin werden? Wer ist Chloe Frazer wirklich? Die letzte Frage führte uns nach Indien und in die Westghats, denn Chloe ist Halb-Inderin. Die Wurzeln ihres Vaters sind dort.«

Unterstützung erhält Chloe von der Söldnerin Nadine Ross, die ihren ersten Serienauftritt als Anführerin der südafrikanischen paramilitärischen Organisation Shoreline in Uncharted 4 hatte. Die beiden Damen könnten kaum gegensätzlicher sein: Während Chloe impulsiv und skrupellos handelt, agiert Nadine eher ruhig und kalkuliert. Shaun Escaryg erläutert, warum sich die Entwickler für dieses ungleiche Duo entschieden haben:

»Uns hat die Vorstellung begeistert, dass diese rätselhafte Schatzjägerin mit dieser pragmatischen Militärführerin kooperieren muss. Wir wollten der Frage nachgehen, ob die beiden sich zusammenraufen können.«

Auf dem Preview-Event zu The Lost Legacy konnten wir uns von der Dynamik zwischen den beiden Protagonistinnen einen ersten Eindruck verschaffen. Chloe und Nadine wollen beide die Rolle des Alphatiers einnehmen und kommentieren ihre Zusammenarbeit regelmäßig mit aufsässigen bis zickigen Sprüchen.

Leichtherzige Kommentare wie die eines Nathan Drakes dürft ihr von den beiden nicht erwarten. Dadurch wirkt The Lost Legacy im Gegensatz zu vorherigen Serienteilen weniger wie ein spielbarer Indiana-Jones-Film.

Im Interview hat Shaun Escayg übrigens auch durchblicken lassen, dass der ein oder andere bekannte Seriencharakter durchaus einen Gastauftritt in The Lost Legacy haben könnte. Die Welt der Diebe sei schließlich klein.

Die größten Level der Seriengeschichte

The Lost Legacy soll euch die bisher größten Level in der Geschichte von Uncharted bieten. Dass das kein leeres Versprechen ist, bemerken wir direkt zu Beginn der Anspiel-Session auf dem Preview-Event. Chloe und Nadine sitzen in einem Jeep mitten im Westghats-Gebirge. Ein Blick auf die Karte verrät unsere Position. Das anspielbare Gebiet ist im Story-Trailer oben ab 0:40 sehen.

Wir machen uns auf den Weg zu einem auf der Karte eingezeichneten, mysteriösen Turm. Da The Lost Legacy uns keine Minimap zur Orientierung bietet, kommen wir während der Fahrt unweigerlich von unserer Route ab. So geschieht es, dass wir plötzlich einen Zwischenposten von Asavs Truppen streifen und ihrem Kugelhagel nur knapp entkommen.

Auf dem Turm angekommen verschaffen wir uns einen Überblick über die Gebirgslandschaft und entdecken dabei in der Ferne drei Tempel. The Lost Legacy überlässt es nun uns, in welcher Reihenfolge wir den Tempeln einen Besuch abstatten.

Während unserer Anspiel-Session stolperten wir auf dem Weg zu diesen über zahlreiche Nebenquests und Rätsel, darunter ein Fontänen-Puzzle sowie ein mysteriöser Affenberg. Hinweise und Tipps zu diesen Rätseln gibt uns das Spiel allerdings nur sporadisch. Wir sollen selber dahinter kommen.

In The Lost Legacy könnt ihr eure Entdeckungstrieb daher freier ausleben als in früheren Teilen der Action-Adventure-Serie. Als wir bei einem Kontrollblick auf die Karte unerwartet bemerken, dass unsere Position auf einmal außerhalb der eingezeichneten Gebiete liegt, fühlen wir uns wie waschechte Schatzjäger.

Dieses Gefühl wird zusätzlich dadurch verstärkt, dass nicht jedes misslungene Manöver unweigerlich den Tod der Protagonistin nach sich zieht. Nicht selten haben wir Sprünge über Abgründe nicht geschafft und sind danach auf alternativen Pfaden gelandet.

Die Pseudo-Open-World-Level waren eigentlich schon für Uncharted 4 vorgesehen, konnten aber aufgrund des straffen Zeitplans nicht realisiert werden. Shaun Escayg hat uns im Interview verraten, wie es die Entwickler von Naughty Dog geschafft haben, in The Lost Legacy eine lineare Story in non-linearen Spielabschnitten zu erzählen:

»Bei Naughty Dog versuchen wir immer, innovative Storytelling-Methoden zu entwickeln. Vorbild für die non-linearen Level in The Lost Legacy war der Madagaskar-Level aus Uncharted 4. Wir wollten herausfinden, ob wir eine lineare Story mit einer Pseudo-Open-World in Einklang bringen und so vielleicht eine bessere Geschichte erzählen können. Es war eine große Herausforderung.«

Trotzdem haben die Entwickler die Kernelemente der Uncharted-Serie nicht vernachlässigt, wie ihr auch im auf der E3 gezeigten Gameplay-Video oben sehen könnt:

»The Lost Legacy bietet den Spielern natürlich auch wieder lange Expeditionen, gigantische archäologische Sehenswürdigkeiten, actionreiche Kämpfe, einige wirklich fantastische Rätsel und zahlreiche Easter Eggs und Nebenquests. Mit The Lost Legacy kehren wir zu den Ursprüngen von Uncharted zurück: An jeder Ecke könnt ihr etwas Neues entdecken.«

Nach unserer Anspiel-Session können wir bestätigen, dass The Lost Legacy die bewährte Mixtur aus Rätselabschnitten und Deckungsshooter-Passagen bietet. Neu sind einige Gameplay-Elemente, die es nicht in Uncharted 4 geschafft haben. Im Stealth-Modus können wir jetzt beispielsweise auf schallgedämpfte Waffen zurückgreifen und haben die Möglichkeit, Schlösser zu knacken.

4K und HDR für Besitzer der Playstation 4 Pro

Wer angesichts der größeren Level die Befürchtung hat, dass die Entwickler Abstriche bei der Grafik machen mussten, dem können wir Entwarnung geben: Die Standalone-Erweiterung ist wie das Hauptspiel Uncharted 4 ein echter Augenschmaus. Während unserer Anspiel-Session kam die Grafikengine allerdings hin und wieder nicht mit dem Laden der Gras- und Steintexturen hinterher.

Wir konnten leider nicht aufklären, ob wir es beim Preview-Event bereits mit der finalen Version von The Lost Legacy zu tun hatten, weshalb wir uns zum jetzigen Zeitpunkt selbstverständlich noch kein abschließendes Urteil erlauben können.

The Lost Legacy wurde übrigens für die Playstation 4 Pro optimiert und unterstützt 4K und HDR. Alle Käufer erhalten zudem Zugriff auf den Multiplayer- und den Survival-Modus von Uncharted 4, die beide zur Veröffentlichung der Standalone-Erweiterung neue Inhalte spendiert bekommen.

Spekulationen um Uncharted 5

Während des Preview-Events sprachen wir mit Creative Director Shaun Escayg auch über die Zukunft der Uncharted-Serie. Auf die Frage, ob in einem potentiellen fünften Teil der Serie auch eine Frau die Hauptrolle spielen könnte, antwortete dieser:

»Absolut! Uncharted 5 könnte alles Mögliche werden. Wir wollen unsere Vorstellungskraft nicht einschränken. Aktuell haben wir noch keine Pläne für Uncharted 5, da wir gerade erst die Entwicklung von The Lost Legacy abgeschlossen haben. Bei der Konzeption eines neuen Uncharted-Spiels steht für uns immer die Story und die Art und Weise, wie wir diese erzählen, an erster Stelle. Auf dieser Basis prüfen wir unsere Möglichkeiten für andere Spielelemente.«

Ein Dementi bezüglich eines neuen Serienteils klingt anders. Bis zur Ankündigung von Uncharted 5 wird wohl aber noch einige Zeit vergehen. Naughty Dog arbeitet aktuell an The Last of Us 2, dessen Entwicklung nach der Veröffentlichung von Uncharted: The Lost Legacy am 23. August 2017 wohl weiter forciert wird.

Fazit

Naughty Dog bleibt trotz Open-World-Ansätzen seiner Erzählweise treu: Auch Uncharted: The Lost Legacy wirkt wie ein durchinszenierter, spielbarer Actionfilm. Die Entwickler haben herausgefunden, wie sie die Aufmerksamkeit der Spieler in einer offenen Welt auf bestimmte Spielelemente lenken können. Die Ingame-Kamera fängt das Spielgeschehen stets filmreif ein und muss nur in seltenen Fällen nachjustiert werden.

Schmerzlich vermisst habe ich Nathan Drakes vor Selbstironie und Galgenhumor triefende und stets mit einem Augenzwinkern vorgetragene Kommentare, welche dieser meist von sich gab, während er sich in bester Indiana Jones-Manier in letzter Sekunde aus einer misslichen Lage befreite. Stattdessen verstärken die aufsässigen bis feindseligen Zickereien der Protagonistinnen die im Vergleich zu früheren Serienteilen sowieso schon düsterere Atmosphäre.

Begeistert war ich dagegen von den vielen alternativen Pfaden des Open-World-Levels. Da man sich regelmäßig an Weggabelungen für eine Route entscheiden muss, schleicht sich der Eindruck ein, dass man ein individuelles und einzigartiges Abenteuer erlebt. Ob diese Illusion in den linearen Leveln von Uncharted: The Lost Legacy gebrochen oder aufrechterhalten wird, werden wir wohl erst zu Release herausfinden können.

Autor: Hendrik Fischer

  

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Sebastian Weber
Sebastian Weber

Seit den ersten Pixelmännchen auf einem Commodore PET, liebt Sebastian Videospiele und hat heute vom PC, über Xbox One, PlayStation 4 bis hin zur Nintendo Switch alles zu Hause stehen, was virtuelle Welten auf den Bildschirm bringt. Dabei sind vor allem Rollenspiele und Action-Titel die erste Wahl.