Das war Telltale Games: The Walking Dead bis Game of Thrones

Das Entwicklerstudio Telltale Games, das sich anstellte das Adventure-Genre zu modernisieren und revolutionieren, schloss im September 2018 fast komplett die Pforten. Wir blicken zurück.

  • von Christoph Allgöwer am 27.09.2018, 14:29 Uhr

In diesem Artikel gehen wir den Fragen nach:

  1. Wann wurde Telltale Games gegründet?
  2. Was sind die erfolgreichsten Spiele des Studios?
  3. Wie kam es zur Schließung von Telltale Games?

Am 21. September 2018 veröffentlichte Telltale Games ein Statement, indem die Schließung des Studios bekannt gegeben wurde. 25 Angestellte behalten vorerst ihren Arbeitsplatz, um die letzten Verpflichtungen des Studios zu erfüllen. Die restlichen ca. 250 Mitarbeiter mussten ihren Arbeitsplatz umgehend räumen.

Inhaltsverzeichnis

Wann wurde Telltale Games gegründet?

Telltale Games entstand 2004 aus einem für Sam-&Max-Fans eher unglücklichen Umstand heraus. Nachdem Lucasarts im Jahr zuvor das letzte Adventure der Sam & Max Serie »Freelance Police« cancelte, tat sich eine Gruppe von Lucasarts-Entwicklern zusammen und verließ das Unternehmen, um Telltale Games zu gründen.

Unter der Leitung von Dan Connors und Kevin Bruner hatten sie sich das Ziel gesteckt, dem Genre der Adventures neues Leben einzuhauchen.

Doch ihr erstes Spiel sollte gar kein Adventure sein, sondern ein Poker Spiel namens »Telltale Texas Hold ‘Em«. Nicht nur war es kein Adventure, es sollte auch das einzige Spiel von Telltale Games bleiben, welches keine bereits etablierten Marken beinhaltete.

Sam & Max: Zurück zu den Wurzeln

Doch noch im selben Jahr (2005) erschien Telltales erstes Adventure »Bone: Out from Boneville«, welches auf der Bone-Comic-Serie basiert. Danach ging es Schlag auf Schlag. Neben Auftragsarbeiten für UbiSoft – die CSI-Adventures – konnte sich Telltale auch die Sam & Max Lizenz sichern.

Mit Sam & Max Save the World veröffentlichte Telltale zwischen Winter 2006 und Frühjahr 2007 ihr erstes Episoden-Adventure und konnte so die totgeglaubte Marke doch noch einmal wiederbeleben. Die episodenhafte Veröffentlichung sollte zu einem der Markenzeichen von Telltale Games werden.

Von Firmengründung an führte Telltale einen hauseigenen Blog, in dem es über aktuelle Entwicklungen berichtete, Fan-Fragen beantwortete und sich so nach außen hin als sehr modernes und aufgeschlossenes Unternehmen präsentierte. Selbst Praktikanten veröffentlichten darauf lange Posts über die lockere Arbeitsweise und den Miteinbezug von jedem Mitarbeiter. Doch das sollte nicht immer so bleiben.

Was war Telltales größter Erfolg?

Nach einigen Lizenspielen und Achtungserfolgen, wie Back to the Future: The Game und Jurassic Park: The Game erschien im Jahr 2012 Telltales bisher größter Erfolg und Kritikerliebling: Die erste Staffel The Walking Dead.

Das Episoden-Adventure erzählt mit neuen Charakteren eine emotionale Geschichte im Walking-Dead-Universum. Von Kritkern und Spielern gleichermaßen gelobt, sollte The Walking Dead die Referenz-Schablone für alle zukünftigen Telltale Spiele werden.

The Walking Dead ist ein cineastisches Adventure, das mehr auf die zwischenmenschliche Interaktion der Charaktere, als auf adventure-typische Rätsel wert legt. Die Aktionen der Spieler haben Einfluss auf den weiteren Verlauf der Geschichte, wie das Leben und den Tod von Charakteren. Über einen Savegame-Import werden diese Entscheidungen staffelübergreifend weitergetragen.

In Zukunft sollte dieses Konzept auf jedes einzelne Telltale-Spiel zutreffen.

Von Game of Thrones bis Minecraft: Ein Höhenflug ohne Ende?

In den folgenden Jahren erschienen so unter anderem Episoden-Adventure zur Shooter-Reihe Borderlands, zur Serie Game of Thrones, zu Comic-Buch-Vorlagen Fables (The Wolf Among Us), Batman und Guardians of the Galaxy und sogar zum Indie-Hit Minecraft.

Doch nicht alle wurden von Spielern und Kritikern so gut aufgenommen wie The Walking Dead. Vor Allem die Umsetzung zu Game of Thrones, die teilweise als Fanfiction im Game-of-Thrones-Universum abgestempelt wurde, kam mit einem Metacritic-Score von 64 Punkten deutlich schlechter weg. Zum Vergleich: Die erste Staffel The Walking Dead liegt bei bei guten 89 Punkten.

Telltale Games: Ganzjährige »Crunch-Time«?

Dem stetig wachsenden Studio und hohen Spiele-Output nach zu urteilen ging es Telltale in diesen Jahren sehr gut. Doch ein im März 2018 veröffentlichter Report von The Verge zeichnet ein anderes Bild.

Im Zuge des Erfolgs von The Walking Dead wuchs das Studio in rasender Geschwindigkeit, um zwischen 2013 und 2017 satte zwölf Spiele zu veröffentlichen. Die schiere Anzahl an Projekten führte trotz des wachsenden Studios offensichtlich bei vielen Mitarbeitern zu Überstunden und teilweise schlussendlich zu Burnout.

Die aus der Videospielindustrie leider bekannte »Crunch-Time« (die Zeit kurz vor Release eines Spiels, in welcher viele Überstunden geleistet werden, um letzte Deadlines zu erreichen) war bei Telltale laut Mitarbeitern fast das ganze Jahr über im Gange.

Auch wenn bei Telltale Games die sogenannte »Unlimited Vacation Policy« (Urlaub kann theoretisch so viel genommen werden wie gewünscht und nötig) üblich war, nutzte diese kaum ein Mitarbeiter. Die Kollegen hatten offenbar Angst, dass mit ihrem Urlaub das Arbeitspensum der anderen Mitarbeit noch weiter erhöht würde.

Was führte zur Schließung von Telltale Games?

Zu den Problemen gesellte sich laut dem Report von The Verge der Mitbegründer und spätere CEO von Telltale Games: Kevin Bruner. Kollegen sollen ihn als harsch, unflexibel und nach ständiger Kontrolle strebend beschrieben haben.

Jede Kleinigkeit musste von ihm abgesegnet werden, selbst Tutorial-Texte, wie Megan Farokhmanesh für The Verge schreibt. Unter den Kollegen wurde er als »Auge Saurons« bezeichnet. Angeblich ließ er unter der Belegschaft kaum kreative Freiräume zu und hielt steif an der mit The Walking Dead geschaffenen Formel fest.

Dass die eigenen Spiele nicht erfolgreich genug waren, um ein Unternehmen von mittlerweile mehr als 300 Mitarbeitern zu tragen, führte im November 2017 dazu, dass 90 Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz räumen mussten. Das Studio wollte sich wieder gesund schrumpfen und auf weniger gleichzeitige Projekte konzentrieren.

Das Ende vom Lied: Pleite & Sammelklage

Dieser Versuch scheiterte schlussendlich am 21. September 2018. Telltale Games schloss seine Pforten. Bis auf 25 Mitarbeiter, die die letzte Verpflichtung des Studios – eine Umsetzung von Minecraft: Story Mode für Netflix – zu Ende bringen sollten, wurden alle Angestellten entlassen.

Die geplanten Fortsetzungen zu The Wolf Among Us und Game of Thrones werden so wohl nicht mehr das Licht der Welt erblicken. Was mit den verbleibenden zwei Folgen von The Walking Dead: The Final Season passieren soll ist noch ungewiss.

Auf Twitter meldete sich Telltale zu Wort und sagte, dass es sich nach einer Möglichkeit umsieht, mit Partnern The Walking Dead zu einem Abschluss zu bringen. Netflix meldete sich auch schon zu Wort und versicherte, dass die von Telltale Games geplante Spielumsetzung zur Erfolgsserie Stranger Things von einem neuen Studio übernommen werden soll.

Allerdings droht dem Studio nun auch von Seiten der Ex-Mitarbeiter Ärger: Neuesten Entwicklungen zufolge hat außerdem ein ehemaliger Angestellter eine Sammelklage gegenüber Telltale Games eingereicht. Diese basiert auf dem Gesetz des »WARN Act«, das besagt, dass Arbeitgeber mit mehr als 100 Angestellten dazu verpflichtet sind ihre Mitarbeiter 60 Tage vor Schließung eines Unternehmens darüber zu informieren.

Bei Telltale erfuhren die Angestellten (aufgrund eines Investors, der sich in letzter Minute zurückzog)  am Tag der Entlassung von der Pleite des Entwicklers. Sollte diese Klage erfolg haben, hätten alle entlassenen Angestellten wenigstens noch Anspruch auf das volle Gehalt und Sozialleistungen für 60 Tage. Allerdings ist fraglich, ob Telltale Games das überhaupt noch zahlen kann.

Erfolg auf Kosten der Mitarbeiter?

Emily Grace Buck, eine ehemalige Mitarbeiterin schildert auf Twitter ihre Eindrücke von den aktuellen Zuständen bei Telltale Games:

Es wären 250 Angestellte entlassen worden, es hätte keine Abfindung gegeben, manche Kollegen hätten erst eine Woche vor Schließung bei Telltale angefangen und ihre Gesundheitsvorsorge soll teilweise nur noch eine Woche lang gültig sein. All das wirft kein gutes Bild auf das Entwicklerstudio.

Doch eine Arbeitsatmosphäre wie bei Telltale scheint in der Industrie leider keine Ausnahme zu sein. So arbeiten laut Venture Beat rund dreiviertel aller Videospielentwickler regelmäßig unter »Crunch Time«.

Für viele Spieler und junge Entwickler scheint der Beruf eines Entwicklers in der Videospielindustrie wie ein wahrgewordener Traum. Doch wie in jeder Branche hat auch die Videospielindustrie ihre Schattenseiten, die nicht unter den Tisch gekehrt werden sollten.

Ein gutes Unternehmensklima hat nunmal damit zu tun wie Mitarbeiter auf der Arbeit behandelt werden und ob ihnen eine gute Work-Life-Balance ermöglicht wird.  Das kommt im Endeffekt nicht nur den Mitarbeiten, sondern auch dem Unternehmen selbst zugute.

Neue Hoffnung für ehemalige Telltale Angestellte

Auf Twitter formieren sich derzeit unter dem Hashtag #TelltaleJobs viele Industrie-Kollegen, um den ehemaligen Telltale Angestellten bei der Jobsuche behilflich zu sein und ihnen Jobs in ihren Unternehmen zu sichern. Dieser unternehmensübergreifende Zusammenhalt gibt Hoffnung, nicht nur für die ehemaligen Angestellten, sondern vielleicht für die gesamte Branche.

Die Schließung von Telltale Games gibt uns einen tragischen und doch interessanten Einblick hinter die Kulissen der Videospielbranche, die sich nur zu gerne hinter sorgfältigem Marketing versteckt.

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Christoph Allgöwer
Christoph Allgöwer

Prakti. Student. Stuttgart, Gießen, Magdeburg, Berlin. In ganz Deutschland zu Hause. Zoo Tycoon bis To The Moon. Indie oder Triple A. Für allen Spaß zu haben.