Project Cars 2 im Test: Starke Renn-Simulation

Der Nachfolger der Rennsimulation Project Cars will das Spiel weiter verbessern und für Einsteiger zugänglicher machen. Klappt das? Wir haben genau hingeschaut.

  • von Benjamin Danneberg am 19.09.2017, 11:09 Uhr

Wer Autorennen liebt, der hat auf dem PC oder auf den Konsolen eine ziemlich große Auswahl. Fun-Racer wie Need For Speed wechseln sich regelmäßig mit Rennsimulations-Hits wie Forza oder Gran Turismo ab – von den beiden letzten steht in den nächsten Wochen jeweils eine neue Auskopplung an.

Den Reigen der Herbst-Rennspiele eröffnet jedoch Project Cars, das den zweiten Teil seiner Simulation herausbringt. Damit möchte es noch mehr Realismus ins Spiel bringen, aber gleichzeitig auch Racing-Amateure besser abholen. Wir haben uns das Spiel auf dem PC unter dem Aspekt der Einsteigerfreundlichkeit genauer angesehen.

Strecken, Autos, Rallycross: Ein Umfangsmonster

Das Erste, was uns auffällt, ist die schiere Menge an Möglichkeiten – sowohl was die Rennen, die Autos, aber auch die Einstellungen angeht.

60 Strecken sorgen für Abwechslung – und als sei das noch nicht genug, gibt es noch weit über 100 Varianten. Mit rund 180 Rennkübeln donnern wir über Asphalt, durch Matsch und schlittern sogar über Eis, denn neben den Pisten für Tourenwagen, GT-Serie oder Indycar stehen uns auch noch Rallycross-Strecken zur Auswahl.

Darüber hinaus können wir uns in Straßen-, Kart- und Ausdauerrennen mit der KI oder anderen Mitspielern im Onlinemodus messen. Einfach mal das 24-Stunden-Rennen von Le Mans nachstellen? Kein Problem – wenn ihr genug Sitzfleisch habt.

Bevor wir uns ins Cockpit setzen, stellen wir so viele Hilfen ein, wie möglich. Lenk- und Bremsassistenten, Fahrhilfen wie ABS, ESP und Traktionskontrolle und wie sich eventueller Schaden durch Renn-Unfälle auswirken soll, kann detailliert eingestellt werden. Und natürlich wollen wir wissen, wie die Ideallinie aussieht und schalten sie hinzu.

Danach starten wir mit einem benutzerdefinierten Rennen und suchen uns einen McLaren P1 mit über 900 PS aus, um damit den Hockenheimring unsicher zu machen.

Bei der Auswahl der Boliden wird uns die Schwierigkeit und das Kurvenverhalten des jeweiligen Autos angezeigt, wir wählen natürlich für den Beginn einen Wagen, der eher beherrschbar sein soll. Wie sich herausstellen soll, ist das stark relativ.

Umfangreiche Renneinstellungen lassen uns unser Traumrennen bauen: Vom Wetter über Training und Qualifying bis hin zu Dauer und Starttyp ist alles dabei. Außerdem können wir festlegen, welche Wagen unsere Konkurrenten fahren dürfen, also ob sie freie Wahl haben oder in der gleichen Fahrzeugklasse bleiben müssen. Sogar die Regeln lassen sich modifizieren – oder gleich ganz ausschalten.

Verbesserte Fahrphysik

Dann geht’s zum Training auf die Piste. 10 Minuten haben wir, um uns richtig an den Kurs zu gewöhnen. Und die brauchen wir auch! Denn schon beim erstmaligen Gas geben nach der Boxengasse fällt uns eine erhebliche Änderung zum ersten Project Cars auf:

Die Bodenhaftung der Reifen funktioniert jetzt völlig anders. Kalte Reifen auf Asphalt verhalten sich nämlich eher wie ein Puck auf dem Eis. Geben wir zu viel Gas, schlingert die Bude, als wären wir volltrunken.

Überhaupt lernen wir schnell, dass Project Cars weiterhin eine Rennsimulation sein will: Ein bisschen zu schnell auf die Haarnadelkurve zugefahren, schon schießen wir darüber hinaus. Etwas zu stark eingelenkt? Die Kiste bricht aus, wir landen im Kiesbett.

Es dauert einige Zeit, bis die Reifen warm sind und wir uns daran gewöhnt haben, dass wir vorsichtiger, bedachter fahren müssen, als etwa in einem Gran Turismo. Runde um Runde prügeln wir den Boliden über die Piste – aber wir blieben ständig hinter der Konkurrenz, die Rundenzeiten sind immer rund zehn Sekunden schlechter. Fahren wir wirklich so übel?

Nein, das Problem sind die Lenk- und Bremshilfen. Letztere bremst sogar auf langen Hochgeschwindigkeitskurven völlig grundlos den Wagen immer wieder ab. Also ab ins Menü, die wenig hilfreichen Assistenten ausgeschaltet. Und siehe da: Runde für Runde werden wir besser, jagen Sektor-Bestzeiten (sehr cool kommentiert vom Boxenfunk durch unser Team) und rücken der Konkurrenz immer weiter auf den Pelz.

Übrigens: Mit einer VR-Brille fährt es sich noch erheblich intuitiver, wie das Review auf unserer Partnerseite VR-World zeigt.

In 4K eine Wucht – mit Abstrichen

Im Rennen zeigt sich dann, wie konzentriert wir unter Druck fahren können. Dabei dürfen wir uns nicht von der hervorragenden Optik der Rennwagen, ablenken lassen. Insbesondere in 4K ist das Spiel eine Wucht, auch wenn die Strecken und ihre Umgebungen immer noch den sterilen Charme eines Baukastens versprühen. Dafür sorgen nicht zuletzt hervorragende Wettereffekte, aber auch die coole Physik, die realistisches Abdrängen und Schleudern von Rennwagen ermöglicht.

Richtig üble Crashes sehen auch so aus (abgesehen von der billigen Optik gesprungener Scheiben – wie ist das eigentlich durch die Qualitätskontrolle gekommen?) und wenn unser Kübel irgendwo richtig was mitbekommen hat, wirkt sich das deutlich auf Steuerung und Leistung aus. Ab in die Box, lautet dann die Devise.

Neu ist der Renningenieur, dem wir mit kurzen Beschreibungen unseres Problems mit dem Wagen um Rat bitten können. Was als Vereinfachung des manuellen Setups (in dem wir jede Schraube selber einstellen können) dienen soll, ist mehr eine Art Tutorial für angehende KFZ-Mechaniker: Wir lernen, dass wir gegen das Untersteuern beim Durchfahren von Kurven die hinteren Stabilisatoren versteifen können. Ganz ohne Hirnschmalz kommen wir dann doch nicht durch die Simulation, es sei denn, wir belassen es immer bei der Standardeinstellung.

KI mit Macken

Die Lernkurve ist verhältnismäßig steil, aber wir gewöhnen uns mit Übung dran und fahren schon bald unsere Rennen innerhalb der Top-Ten zu Ende. Auch die teilweise sehr willkürlichen Strafen der Rennleitung hindern uns da nicht dran, sind aber doch immer wieder ärgerlich: Fährt uns ein anderer Wagen hinten rein, wird unsere Rundenzeit annulliert. Mal hat ein Ausritt neben die Strecke keine Auswirkungen, dann wieder bekommen wir Strafen für das Umholzen von Pilonen, die direkt hinter den Curbs stehen.

Überhaupt ist die KI zwar solide, aber abseits der Ideallinie eher schwach. Deshalb brettert sie uns auch gern stumpf in die Karosserie – besonders in der Kart-Serie ist das schlimm: In sieben Startversuchen hintereinander ist uns jedes Mal der rechte Hinterreifen abgefahren worden, noch vor der ersten Kurve. Hier darf Entwickler Slightly Mad Studios gern noch etwas nachbessern. 

Motivation und Herausforderung kommt natürlich über die Karriere, auch wenn diese weiterhin eine vernünftige Präsentation und das Drumherum eines echten Rennstalls (es gibt null Komma gar keine Managing-Optionen) vermissen lässt. Dafür können wir uns in der Junior Challenge oder im Kart One unsere ersten Sporen verdienen und uns durch insgesamt 29 Rennserien zu allen möglichen Meistertiteln rasen.

Fazit

Project Cars 2 ist ein verbessertes Project Cars, kein komplett neues Spiel. Verbesserungen wie die Reifenphysik sind wirklich gelungen: Wenn wir die Schlappen nicht warm kriegen, dann hat das Rennen viel von Eiskunstlauf. Dagegen kleben wir am Asphalt, wenn die Reifen auf Temperatur sind und wir jagen eine Bestzeit nach der anderen. Das macht richtig Laune.

Kleine Wermutstropfen gibt es aber auch: Die KI ist nicht viel mehr als eine solide Renn-KI und fährt immer noch zu oft auf Kollisionskurs (auch wenn das gegenüber Teil 1 besser geworden ist). Die Präsentation der Karriere ist schlicht langweilig.

Einsteiger müssen sich darüber hinaus klar sein, dass Project Cars 2 eine Simulation bleiben will und, dass es sich niemals so fahren wird, wie ein Arcade-Racer. Gleichwohl lässt sich mit etwas Übung und Lernwillen auch hier ein erfolgreiches Rennen nach dem anderen fahren – zur Not regelt man die KI-Fahrer in den Optionen etwas herunter.

Alles in Allem lässt sich sagen, dass Project Cars 2 ein gelungenes Rennspiel geworden ist, mit dem man eine Menge Spaß haben kann.

We want YOU on Facebook! Werdet Teil unserer Community und bleibt immer auf dem Laufenden.

Benjamin Danneberg
Benjamin Danneberg