Call of Cthulhu: Atmosphäre an erster Stelle

Das Horror-Adventure basierend auf dem Werk von H.P. Lovecraft nimmt seine Adventure-Komponente mehr als Ernst. Wie sich das aufs Spiel auswirkt, erfahrt ihr in unserer Vorschau.

  • von Jonas Gössling am 31.08.2018, 15:43 Uhr
Call of Cthulhu

Zu allererst: Nein, Call of Cthulhu ist kein Shooter im Universum des Tentakelmonsters – trotz Ego-Perspektive. Es ist ein reines Horror-Adventure, das vor allem auf Erkundung, Rätsel und eine dichte Atmosphäre setzt.

Auf der gamescom 2018 haben wir zwei Stunden in dem Spiel verbracht und festgestellt, dass der Grusel hier tatsächlich gar nicht an erster Stelle steht. Was uns sonst noch aufgefallen ist, erfahrt ihr in den folgenden Zeilen.

Am Anfang war der Säufer

Das Spiel beginnt in einer Höhle. Wir schauen dem Privatdetektiv Edward Pierce durch die Augen und erleben eine albtraumhafte Sequenz, die mit einem Mord durch merkwürdig maskierte Menschen endet. War aber alles nur ein Traum. In Wahrheit ist unsere Figur nämlich ein Säufer und hat nichts besseres zu tun, als den lieben langen Tag in seinem Büro herumzugammeln.

Es ist 1924, Pierce gehört zu denjenigen, die den Ersten Weltkrieg immer noch nicht überwunden haben. Er sabotiert selbst seine Arbeit, indem er kaum noch Fälle annimmt, obwohl er das Geld wirklich brauchen könnte. Wie gut, dass da ein reicher Unternehmer vorbeischaut. Der verspricht nicht nur lukrative Einnahmen, sondern auch einen spannenden Fall.

Seine Tochter Sarah Hawkins ist nämlich zusammen mit ihrem Mann und Sohn im eigenen Haus auf der Insel Darkwater verbrannt. Sie war Künstlerin und hat verstörende Bilder gemalt – Leute haben sie schon für verrückt gehalten. Aber wie ihr letztes Werk zeigt, wirken ihre Gemälde weniger wie von einer Irren. Vielmehr scheint es, dass sie etwas mitbekommen hat, was sie besser nicht erfahren hätte.

Pierce soll nun den Namen von Sarah reinwaschen, indem er ein Lagerhaus und das Familienanwesen genauer unter die Lupe nimmt und macht sich nach dem Gespräch auf zur Insel.

Darf’s ein bisschen Vampyr sein?

Schon im Büro, aber vor allem im Hafen von Darkwood fällt auf, wie ruhig und entschleunigt Call of Cthulhu seine Geschichte vorantreibt. Wir können uns mit Schlüsselfiguren im kleinen Ort unterhalten und uns im Dialogbaum über jedes kleine Detail informieren. So finden wir in einer Kneipe etwa die Verbrecheranführerin Cat, die uns wohl liebend gern zu Brei verarbeiten würde.

Ein Aufseher und letzter Kapitän des Ortes hingegen ist uns wohlgesonnen und hilft uns liebend gern bei der Nachforschung. Das Dialogsystem erinnert dabei stark an das von Dontnods Action-Adventure Vampyr. Nicht nur sieht es in Call of Cthulhu fast identisch aus, es kopiert auch die Idee nach Hinweisen.

Untersuchen wir die Gegend kann es passieren, dass wir im Gespräch mehr Optionen haben. Wir finden etwa das Bild eines Mannes, der genauso aussieht wie der Kapitän. Das können wir dann im Dialog auch erst danach ansprechen. Die Gespräche alleine nehmen in den ersten zwei Stunden rund die Hälfte der Zeit ein und machen viel Spaß.

Das liegt zum einen an der interessanten Geschichte und ihren Hintergründen, zum anderen an den gelungenen Sprechern. Kurioserweise wird Pierce sogar von Anthony Howell gesprochen, der auch dem Helden in Vampyr seine Stimme leiht. Leider bleiben die Animationen durchgängig hakelig, was grade den Gesichtern in Gesprächen wehtut.

Rätsel ohne Alternative

Ebenfalls einen großen Anteil nehmen die Rätsel im Spiel ein. Denn um ins Lagerhaus zu kommen, müssen wir eine Reihe von Aufgaben bewältigen. Es wird nämlich von Cats Schlägern bewacht. Also hetzen wir zwei Betrunkene auf sie – für die wir aber erst einmal Alkohol besorgen müssen.

Zwar haben wir in Kleinigkeiten die Wahl – zum Beispiel wo wir das Trinken herbekommen – insgesamt gibt es aber immer nur einen Weg, der zum Ziel führt. Auch dürfen wir in Gesprächen entscheiden, ob wir nett oder rüpelhaft vorgehen. Eine wirkliche Konsequenz haben wir in den ersten zwei Stunden aber noch nicht gemerkt.

Nach einem schaurigen Spaziergang durch einen Tunnel und vielen kleinen Rätseln davor landen wir endlich im Lagerhaus und können es untersuchen. Wie in der Batman-Arkham-Reihe wechseln wir hier auf Knopfdruck in einen gesonderten Modus.

Wir nehmen Indizien unter die Lupe und rekonstruieren hier nach und nach, dass die Überbleibsel der Familie hierhergeschafft wurden – nur warum? Bevor Pierce sich noch weitere Gedanken machen kann, steht die Polizei vor der Tür und ein Überzeugungsgespräch später begleitet sie uns zum Familienanwesen.

Mehr Atmosphäre als Horror

Es ist Nacht und wir erkunden die Gräber und den Vorhof des Anwesens. Als wir es betreten wollen, steht plötzlich der miesgelaunte Hauswärter auf der Matte, der immer noch ein Auge auf alles hat. Wir können ihn mitfühlend, oder aber auch aggressiv davon überzeugen uns hineinzulassen.

Im Gebäude zieht sich die Stimmung vom bisherigen Spiel durch: Call of Cthulhu setzt mit kleineren Ausnahmen nicht auf Jumpscares, sondern baut durch die Erzählungen und das düstere Artdesign eine dichte Atmosphäre auf.

So stellt Pierce etwa im Haus fest, dass es tatsächlich kein Unfall gewesen sein kann und das Bild vom Anfang im gleichen Zimmer hing – ohne auch nur ein bisschen zerstört worden zu sein. Das ist die Art von Unwohlsein, auf die der Titel vermehrt setzt, zumindest zu Beginn.

Geistig verwirrt

Ein paar Untersuchungen und Erkundungen wieder finden Pierce und der Polizist einen geheimen Eingang zu einem Tunnelsystem. Hier wiederholt sich der Traum vom Beginn: Der Protagonist landet in einem Raum voller Leichenteile bis hin zum Mord durch die scheinbar einer Sekte angehörigen Menschen. Der arme Tote ist niemand anderes als der treuherzige Polizist.

Wird das Geschehen zu gruselig oder stressig für Pierce, kann der im übrigen dauerhaften Schaden davon nehmen. Wie im Klassiker Eternal Darkness besitzt er eine Sanity-Anzeige, die seinen Geisteszustand misst. Hält er sich etwa zu lange im Raum voller Leichen auf, nimmt seine Psyche einen Knacks. Wie genau sich das auswirkt, wissen wir noch nicht.

Wohl aber, dass Pierce nach absolvierten Rätseln Punkte freischaltet, mit denen er Attribute, wie Stärke oder Redegewandtheit, steigern kann. Auch hier bleibt die Frage, wie wichtig das System bleibt und ob es sich langfristig auswirkt. Bislang haben wir lediglich einige Dialoge nicht führen können.

Nach dem Mord schafft es Pierce immerhin, den Verrückten zu entkommen – oder doch nicht? Kurz vor dem Ausgang stürzt eben der nämlich ein und der Protagonist trifft auf… Ach, das müsst ihr schon selbst sehen. Die Szene macht nämlich einfach nur Lust auf mehr.

Jonas Gössling

Einschätzung

Call of Cthulhu ist eine echte Überraschung. Klar, grafisch ist der Titel eindeutig veraltet. Vor allem die Animationen sind anhand des Fokus auf Dialoge bedauerlich. Aber alles andere macht schon in den ersten zwei Stunden viel Spaß. Die Erkundung belohnt mit haufenweise interessanter Gespräche und Informationen.
Die Rätsel sind nicht zu leicht, aber eben auch nicht zu schwer. Vor allem aber ist es den Entwicklern gelungen, dieses unterschwellige Unwohlsein zu erzeugen, für das die Vorlage von H.P. Lovecraft so bekannt ist. Ihr werdet euch hier nicht zwangsweise dauernd gruseln, sondern ständig das Gefühl haben, dass hier irgendetwas nicht stimmt. Hält der Titel seine Stärken bis zum Ende durch, dürfen sich Rätsel- und Horror-Freunde freuen.

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Jonas Gössling
Jonas Gössling

Jonas liebt Computerspiele, Videospiele - er hat einfach generell viel lieb. Vor allem die Wandlung und die Hintergründe des Mediums fasziniert ihn mit zunehmenden Alter immer mehr und sorgt bei ihm für einiges an Trivia-Wissen.