Service Games: Spielt in Zukunft jeder nur noch ein Spiel?

Was haben Fortnite, GTA Online und Destiny 2 gemeinsam? Sie sind alle Service Games und bieten Hunderte Stunden Spielzeit. Wie die Zukunft der Games as a Service aussieht – und warum dieser Trend für Indie- und Singleplayer-Spiele nicht ganz ungefährlich ist –, verrät euch Christoph.

  • von Christoph Allgöwer am 19.08.2021, 14:11 Uhr
Service Games: Destiny 2, Assassin's Creed und Fortnite

Service Games dominieren die Spielelandschaft: Apex Legends, GTA Online oder PlayerUnknown’s Battlegrounds sind eigentlich fast jeden Tag unter den meist gespielten Steam-Games zu finden. Tägliche Aufgaben, wiederkehrender Grind und neue Spielinhalte sollen euch möglichst regelmäßig ins Spiel zurückbringen.

Deswegen sind auch viele große Marken mittlerweile vom klassischen “Einmal-Kauf-Erlebnis” zum Game as a Service mutiert. Seien es Counter Strike (CS GO), Rainbow Six (Rainbow Six Siege) oder Fallout (Fallout 76), um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Ich habe mich gefragt, wie die Zukunft der Service Games aussieht und ob bald jeder nur noch ein einziges (Service) Game spielt.

Was ist ein Game as a Service?

Aber was genau definiert eigentlich ein Game as a Service? Grundsätzlich ist ein Service Game ein Spiel, das seine Spieler:innen über einen langen Zeitraum hin immer wieder mit neuen Inhalten versorgt. Das können Level, Charaktere, Spielmodi, Waffen oder Ähnliches sein. Dazu zählen aber auch das Ausmerzen von Bugs oder Verbesserungen am Gameplay – quasi ein vollumfängliches Service-Paket.

Es geht den Entwicklern vor allem darum, Spieler:innen bei der Stange zu halten, sie regelmäßig dazu zu bringen, das Spiel zu starten und dabei möglichst auch noch immer wieder Geld auszugeben. Ein Spiel, sie alle zu knechten, oder auch: “Ein Spiel und ihr braucht nie wieder etwas anderes zu spielen”.

Das Service Game am Beispiel von Destiny 2 erklärt

Es gibt viele verschiedene Modelle eines Game as a Service. Hangeln wir uns doch einmal am MMO-Shooter Destiny 2 entlang und zeigen, wie so ein Modell aussehen kann.

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Das Grundspiel Destiny 2 ist Free2Play. Das heißt, jeder kann kostenlos reinschnuppern, die Einführungskampagne spielen und an den meisten PVP- und PVE-Aktivitäten teilnehmen. Auch die Events zu Halloween oder Weihnachten sind für alle Spieler:innen offen.

Wer allerdings wirklich tief ins Spiel eintauchen, zusätzliche Fähigkeiten für seine Charaktere freischalten und auf alle Endgame-Aktivitäten zugreifen möchte, wird zur Kasse gebeten. Destiny 2 baut dabei auf drei Grundpfeiler der Monetarisierung:

  • Kostenpflichtige Erweiterungen
  • Kostenpflichtige Season Pässe
  • Ingame-Shop mit Mikrotransaktionen für kosmetische Gegenstände

Die Erweiterungen bringen neue Storymissionen, Waffen, Endgame-Aktivitäten wie Raids und zuletzt mit “Jenseits des Lichts” sogar neue Charakterfähigkeiten mit. In der Regel erscheint einmal pro Jahr eine Erweiterung für Destiny 2.

Zwischen den Erweiterungen stehen dann die einzelnen Seasons – normalerweise vier Seasons pro Jahr – die ebenfalls neue Waffen und Aktivitäten mit sich bringen. Ein Season Pass kostet circa 10 Euro, besteht aus 100 Stufen, die für verschiedene Belohnungen aufgelevelt werden wollen und ist – wie in Fortnite oder Apex Legends – zeitlich begrenzt, kann also nur während der aktuellen Season vervollständigt werden.

In Verbindung mit wöchentlichen Challenges und täglichen Mini-Quests (Beutezügen) soll das dafür sorgen, dass Spieler:innen sich regelmäßig in Destiny 2 einloggen und quasi das ganze Jahr über mit dem Spiel beschäftigt sind.

Der Ingame-Shop – in Destiny 2 Everversum genannt – dient dann noch als zusätzliche Einnahmequelle für den Entwickler Bungie. Hier kann man sich für Echtgeld kosmetische Rüstungssets oder Waffenornamente kaufen. Spielerische Vorteile oder Gameplay-Inhalte bietet der Shop allerdings nicht.

Eine weitere Besonderheit, die Destiny 2 seinen treusten Fans bietet, ist der hauseigene Shop auf der Website. Wer im Spiel bestimmte Erfolge erlangt, schaltet die Möglichkeit frei, im Bungie Store offiziellen Merchandise zu kaufen, der nur für fleißige Destiny-2-Spieler:innen verfügbar ist und damit eine gewisse Exklusivität mit sich bringt.

Damit schließt sich der Kreis und es wird klar, was Entwickler und Publisher mit dem Service-Game-Modell anstreben.

Warum sind Games as a Service bei Publishern so beliebt?

Man bindet seine Spieler:innen quasi Vollzeit an sein Spiel und sorgt mit (kostenlosen und kostenpflichtigen) Updates sowie Ingame-Stores für eine stetige Einnahmequelle. Umso verbundener sich Spieler:innen einem Spiel fühlen, desto wahrscheinlicher ist wohl auch, dass sie den einen oder anderen Euro im Ingame-Shop lassen.

Anstatt nur einmal 70 Euro für ein Spiel zu kassieren, kann man so über Jahre hinweg an einem Spiel verdienen. Natürlich müssen auch neue Inhalte geschaffen werden, um Spieler:innen bei Laune zu halten, aber das ist weniger aufwendig, als einen komplett neuen Titel zu entwickeln.

Ein weiterer Vorteil für Entwickler ist, dass man keine neue Spielerschaft mit einer Fortsetzung aufbauen muss, sondern auf die bestehende Community bauen kann.

Die Zukunft von Service Games: Das plant die Videospiel-Industrie

Zwar setzen mittlerweile sehr viele Publisher auf Service Games, gleichzeitig darf man aber nicht vergessen, dass es immer noch einen großen Markt für klassische Einzelspielererfahrungen gibt. Gerade Sony hat hier in den letzten Jahren mit God of War, Last of Us 2 oder Marvel’s Spider-Man viele Hochkaräter abgeliefert, die keinerlei Service-Game-Anspruch haben und trotzdem sehr erfolgreich waren.

Abo-Service voller Service Games?

Abomodelle im Games-Sektor könnten dem in Zukunft allerdings gefährlich werden. Vor Kurzem kündigte Google für sein Google-Stadia-Pro-Abo an, dass Entwickler bald mit bis zu 70 Prozent anteilig aus den Einnahmen des Abos beteiligt werden sollen. Der Haken dabei: Die Entwickler werden anteilig daran bezahlt, wie viele Tage ein Abonnent ihr Spiel in einem Monat gespielt hat.

Das heißt, umso öfter ein Spiel von Spieler:innen in einem Monat gespielt wird, desto mehr Geld erhalten die Entwickler. Perfekt natürlich für Service Games, die ihre Kunden regelmäßig mit neuen Inhalten ködern, schlecht allerdings für kleine Indiegames oder Story-basierte Spiele, die schon nach zehn Stunden beendet sind.

Dieses Vertriebsmodell könnte Entwickler in Zukunft dazu anhalten, mehr auf den Service-Gedanken zu setzen und sich an Mobile-Games zu orientieren, die ihre Kundschaft nur allzu gerne mit täglichen Login-Belohnungen ins Spiel locken, ohne wirklich inhaltlichen Mehrwert zu bieten.

Assassin’s Creed Infinity: Ein Assassin’s Creed für immer und ewig

Eine weitere News, die zuletzt die Runde machte, zeigt ebenfalls ganz klar, in welche Richtung der Trend geht. Bloomberg berichtete jüngst von Assassin’s Creed Infinity, dem nächsten Kapitel von Ubisofts Assassin’s-Creed-Reihe. Wie es der Titel schon andeutet, soll das nächste Assassin’s Creed kein einzelnes Spiel mehr werden, sondern eine Plattform, die quasi unendlichen Content-Nachschub bietet.

Bloomberg nennt das Projekt ein “Live Online Game Service”, das sich an GTA Online und Fortnite orientieren soll. Die Plattform soll über Jahre hinweg mit neuen Inhalten gefüttert werden und nicht wie bisher nur jeweils ein historisches Setting bieten, sondern mit immer mehr verschiedenen Settings erweitert werden.

Wie genau das Vertriebsmodell aussehen wird, ist noch nicht bekannt. Denkbar wäre hier aber ein ähnlicher Ansatz wie bei Destiny: Neue Settings würden alle ein oder zwei Jahre mit kostenpflichtigen Erweiterungen hinzugefügt werden, während die Zeit dazwischen mit kleineren DLCs oder gar Seasons überbrückt werden könnte.

Da Assassin’s Creed seit Origins immer mehr Rollenspiel-Anteile bekommen hat, wäre eine typische Season, die neue exotische Waffen, Belagerungen (wie es sie jetzt schon in AC Valhalla gibt) oder kleine Gebiete hinzufügt, gar nicht so abwegig. Die wöchentlichen Challenges von Valhalla müssten auch nur noch ein bisschen ausgebaut werden und fertig wäre die erste Assassin’s-Creed-Infinity-Live-Season.

Spielt in Zukunft jeder nur noch ein Spiel?

Die Frage, die sich mir bei dem Trend stellt und die sich in Zukunft wohl viele Spieler:innen stellen werden ist: Wie soll ich noch mehr als ein Spiel spielen, wenn es nur noch Service Games gibt?

Ich selbst verfalle gerne Destiny 2, das tolle Gunplay und die spaßigen Raids bringen mich doch immer wieder zurück. Problem dabei, wenn ich einmal wieder in Destiny drin bin, komm ich dank der schier endlosen Contentschleife kaum mehr dazu, noch andere Spiele zu spielen. An andere Service Games wie GTA Online oder Apex Legends brauch ich dann gar nicht erst zu denken.

Und jetzt will plötzlich noch eine ehemals klassische Singleplayer-Erfahrung wie Assassin’s Creed, dass ich meine begrenzte Freizeit komplett mit ihr verbringe? Am besten mehrere Stunden die Woche, über Monate, über Jahre hinweg, ohne Ende in Sicht …

Ich verstehe vollkommen, warum jeder Publisher so scharf darauf ist, sein eigenes Destiny, GTA Online oder Fortnite und damit eine konstante Einkommensquelle zu schaffen. Aber brauchen wir wirklich noch mehr davon? Wollen wir irgendwann so eine einseitige Spielelandschaft, in der jeder nur noch sein liebstes Service Game spielt?

Mir graut es ein bisschen davor und ich möchte in Zukunft weder große und mutige AAA-Produktionen wie The Last of Us 2 noch kleine Indieperlen wie Cuphead missen. Die große Vielfalt der Videospiel-Industrie macht unser Hobby doch gerade so besonders und spannend.

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Ich hoffe, dass Vertriebsmodelle wie das von Google nicht zum Industriestandard werden und jetzt jeder Publisher versucht, seine großen Marken in ein Service-Game-Korsett zu zwingen. Mit Anthem, Ghost Recon Breakpoint und Marvel’s Avengers gab es in den letzten Jahren ja auch einige Negativbeispiele, die gezeigt haben, dass solch ein Game-as-a-Service-Ansatz gehörig in die Hose gehen kann.

Wie steht ihr zu Service Games? Spielt ihr selbst eines oder gar mehrere regelmäßig? Und hättet ihr gerne noch mehr davon?

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Christoph Allgöwer
Christoph Allgöwer

Apex Legends, Bloodborne oder To The Moon. Indie oder Triple A. Für allen Spaß zu haben.

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